Öpis mit Medie

«Für mich ist es ein Traumjob»

Ilona Stämpfli ist eine von wenigen Videojournalistinnen bei SRF – und damit von A bis Z für «ihre» Sendung «myStory» verantwortlich. Wie ist sie zu diesem speziellen Job gekommen? Was sind die Vor- und Nachteile an ihrem Job? Und was rät sie angehenden Videojournalisten? Im Interview gibt sie einen Einblick in ihren facettenreichen Beruf.

Du hast ursprünglich Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert und sogar ein Doktorat angefangen. Wie und weshalb bist du schliesslich Videojournalistin geworden?
Bereits während meines Studiums habe ich als freie Mitarbeiterin bei einer Zeitung gearbeitet. So habe ich das journalistische Handwerk gelernt. Ursprünglich hatte ich im Sinn, Printjournalistin zu werden. Doch dann habe ich ein Praktikum bei einem kleinen Fernsehsender absolviert und sofort Feuer gefangen. Obwohl der Einstieg hart war. Ich wurde nämlich einfach ins kalte Wasser geschossen. Hier galt der Grundsatz: «learning by doing» – wie bei so vielen kleinen Fernsehstationen.

Wie bist du schliesslich bei SRF beziehungsweise bei «Zambo» gelandet?
Während eines kurzen Zwischenstopps als Doktorandin ist mir schnell klar geworden, dass das nicht meine Welt ist und ich hier nicht glücklich werde. Deshalb habe ich das Doktorat abgebrochen und wieder als Videojournalistin gearbeitet. Nach diversen Praktika bin ich 2009 schliesslich bei Schweizer Radio und Fernsehen (damals noch SF und Radio DRS) gelandet. Dort war ich von Anfang in die Entwicklung der konvergenten Abteilung «Zambo» eingebunden. Und da ich dazumal eine der wenigen war, die Beiträge fürs TV machen konnte, ergab ein Schritt den nächsten. Nun produziere ich bereits im dritten Jahr die Doku-Serie «myStory».

Was magst du an deinem Job am meisten?
Für mich ist das Beste, dass ich eine Idee von A bis Z kreativ und in Eigenregie umsetzen kann. Und, dass ich einen Einblick in den Alltag von Kindern und deren Familien erhalte. Der Redaktionsleiter von «Zambo» lässt mir bei meiner Arbeit sehr viele Freiheiten. Das schätze ich sehr. Ich bespreche zwar vorgängig die Ideen mit ihm und er nimmt die Sendungen schlussendlich ab – in der Umsetzung lässt er mir aber völlig freie Hand. Das ist alles andere als selbstverständlich und zeichnet unsere Redaktion aus.

Was machst du denn weniger gerne?
Ich bin eine Macherin. Eine, die gerne umsetzt. Deshalb gehören organisieren, planen, disponieren und Konzepte schreiben nicht zu meinen Lieblingsaufgaben. Zum Glück unterstützt mich deshalb eine Redaktionsassistentin bei solchen Dingen. Brainstormen und grob planen liegt gerade noch drin. Aber ich mag es nicht, alles bis ins letzte Detail festzulegen. Meist kommt es sowieso anders, als man geplant hat.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?
Es gibt zwar typische Arbeitstage, wie diese aussehen, hängt aber von der jeweiligen Phase ab, in der ich gerade stecke. Grob gesagt unterteilt sich meine Arbeit in eine Drehphase und eine Postproduktionsphase. Die einzigen fixen Termine sind dabei der Ausstrahlungstermin zum Start der Staffel und der Abnahmetermin einige Tage zuvor. Wie ich die Zeit dazwischen einteile, ist mir selbst überlassen. Der Zeitplan ist aber ziemlich straff: Übers Jahr gerechnet produziere ich ungefähr alle zwei Wochen eine 22- bis 25-minütige Folge.

In welchem Verhältnis stehen bei deiner Arbeit Vorbereitung, Dreh, Schnitt, Vertonung?
Meine Arbeit besteht zu 10 bis 20 Prozent aus Brainstorming, Recherche, Vorbereitung, Planung und Castings. Weitere 20 bis 30 Prozent macht der eigentliche Dreh aus. Der Hauptanteil meiner Arbeit mit 60 bis 70 Prozent besteht jedoch aus der Postproduktion. Zunächst gilt es dabei, das Material zu sichten, die einzelnen Geschichten zusammenzustellen und miteinander zu verknüpfen. Dann schreibe ich den Off-Text und vertone die Folgen.

Weshalb macht die Postproduktion den grössten Anteil aus?
Im Videojournalismus dauert die Postproduktion länger, weil vieles erst während des Schneidens entsteht. Eine Redaktorin, die mit einem ganzen Team aus Kameraleuten, Tontechnikern, Cuttern und Sprechern arbeitet, geht sicherlich strukturierter vor. Bei mir entstehen die Geschichten jedoch meist erst beim Schneiden. Hier fliesst alles ineinander.

Egal ob beim Dreh draussen oder bei der Postproduktion im Schnittraum – du arbeitest stets allein. Ist das auf Dauer nicht unglaublich einsam?

Einsam ist das falsche Wort. Ich stehe ja ständig im Kontakt mit den Protagonisten, den Familien und der Redaktion. Aber natürlich entsteht die Produktion nicht im Team, ich bin schlussendlich eine Einzelkämpferin. Das einzige, was sich manchmal etwas einsam anfühlt, ist der Umstand, dass ich für alles verantwortlich bin: für die Technik, für das Kind und dessen Sicherheit, aber auch für die Familie und die richtige Atmosphäre beim Dreh. Ich kann meine Verantwortung nicht teilen und es gibt niemanden, der einspringen könnte, wenn ich mal krank wäre. Diesen Druck habe ich am Anfang enorm gespürt. Mein Teamleiter konnte mir den Druck aber von den Schultern nehmen und stärkt mir enorm den Rücken. Ich weiss genau: Wenn etwas wäre, würde man mich nicht alleine hängenlassen.

Warum arbeitest du gerade bei «Zambo» und nicht bei einer anderen Sendung wie «Rundschau» oder «Schweiz aktuell»?
Die Arbeit mit und für Kinder ist eine enorm positive Arbeit. Das gefällt mir. Ich versuche stets, die Kinder positiv darzustellen, das Beste aus ihnen herauszuholen und den Kindern vor dem TV ein cooles Erlebnis zu bieten. Natürlich ist es aber auch schwierig, gerade heikle Themen wie Übergewicht oder Behinderung kindgerecht und auf eine positive Art zu vermitteln.

Was unterscheidet denn deine Arbeit mit Kindern von der Arbeit anderer VJs?
Das Handwerk und die Technik sind gleich. Schlussendlich muss ich einfach eine gute Geschichte erzählen. Bei der Arbeit mit Kindern gilt aber ganz besonders: Die Atmosphäre muss stimmen. Nur wenn es mir gelingt, eine gute Atmosphäre zu schaffen, öffnen sich die Kinder und beginnen zu erzählen. Einem Kind merkt man zudem die Stimmung sehr schnell an. Wenn es sich langweilt oder ihm etwas nicht passt, merkt man dies sofort. Deshalb ist es umso wichtiger, spontan zu sein und im richtigen Moment die richtigen Fragen zu stellen oder die richtigen Themen aufzugreifen.

Was zeichnet in deinen Augen den Videojournalismus aus? Ist es einfach eine «billigere» Produktionsart oder ist es vielmehr die Königsdisziplin des Journalismus, da hier alles zusammenkommt?
Weder noch. Videojournalismus ist einfach eine von verschiedenen Produktionsarten, die sich für gewisse Formate perfekt eignet. Die Qualität macht in diesem Fall die Nähe und die Flexibilität dieser Produktionsart aus. Als VJ ist man ein Allrounder, der die Fäden in der Hand hält. Für mich ist es deshalb ein Traumjob.

Was empfiehlst du jungen Leuten, die gerne als Videojournalist/innen arbeiten möchten? Wie schafft man den Einstieg in diesen Beruf?
Es gibt kein Rezept. Aber: Eine journalistische Basis ist wichtig für Videojournalisten. Deshalb rate ich, sich zuerst im Print oder Radio ein journalistisches Grundwissen anzueignen. Dann kann man über Praktika das technische Handwerk «on the job» lernen.

Übrigens: Nebst ihrem Job bei «Zambo» hat Ilona Stämpfli zusammen mit ihrer Kollegin Carin Camathias das Projekt «Telefon-invista» für den Web-Only-Contest der SRG eingereicht – und prompt gewonnen. In verschiedenen Porträts junger Leute aus der rätoromanischen Schweiz steht die Frage im Fokus: Welche Geschichten lassen sich aus dem Fundus unserer Smartphones erzählen?
Hier kannst du dir die entstandenen Porträts anschauen (mit deutschen Untertiteln).

Interview: Jasmin Rippstein
Bild: SRF / Oscar Alessio

Tags: videojournalismus zambo

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