Meinungen

«Mein Senf»: Der Zauber von Teenie-Literatur

Akademische Pflichtliteratur kann vieles – aber nicht alles. Weshalb es sich lohnt, auch mal simpel gestrickte Liebesgeschichten zu lesen, schildert Anna Rosenwasser.

«Im wunderbarsten und allerhässlichsten Quartier Winterthurs, Töss heisst es da, hab ich eine Zeitlang gewohnt. Nachts aus dem letzten Bus auszusteigen und im Dunklen nach Hause zu laufen, war, sofern kein Tössemer Büsi einen spontan anliebte, keine mega angenehme Angelegenheit.

eReader statt Unibücher

Dann aber wurde mir zu Chanukkah ein eReader geschenkt. Ich stand kurz vor irgendwelchen Semesterprüfungen, hatte ganz viel mittellangweilige Pflichtliteratur zu lesen und flüchtete mich, wie ein unreifer Millenial das zu tun pflegt, in kitschige Jugendliteratur. ‹I’ll Give You The Sun› hiess die Liebesgeschichte, sie war simpel und spannend und herzig und gay. Als sich die Story in einem überrumpelnden Zenit dem Ende zuwandte, sass ich gerade im letzten Bus gen Töss, vermutlich die kälteste Nacht im ganzen Jahr, und wollte für einmal nie mehr nach Hause. Das Noch-Nicht-Liebespaar der Geschichte war gerade allen davongerannt, und ehe ich es mir überhaupt erhoffen konnte – küssten sie sich. Ich sass im Bus, mitten in Töss, mitten in der Nacht, und quietschte. Laut. Ich bestand nur noch aus Entzücken. Der ganze restliche Nachhauseweg, jeder Schritt zu meiner Wohnung, war plötzlich erleuchtet. Mein Display und ich, mein Entzücken gegen die Kälte.

Ein zu schlechter Ruf

Noch heute google ich gelegentlich die herzige Teenie-Szene. Mittlerweile wurde mir mein eReader geklaut, ich wohne nicht mehr in Büsi-Töss und lese manchmal, man munkelts, sogar akademische Pflichtliteratur. Was mir dieses Lesen in der damaligen Nacht gab, bleibt: Mich derartig zu erfreuen, vermag kein sperriger Indiefilm, kein schwerer Philo-Schinken. Komplexität, Experimentierfreudigkeit und Hochglanz mögen ihre wohlbeachtete Berechtigung haben – jugendliche Populärliteratur aber wird häufig unterschätzt. Was seicht und oberflächlich ist, ist nicht zwingend nichtig, und was wir jungen Menschen – oder solchen, die einfach ungern Kompliziertes lesen – vor die Augen setzen, hat eine Aussagekraft, die über Unterhaltung hinausgeht. Darüber, welche Liebespaare existieren können, beispielsweise. Oder darüber, dass sich ein eiskalter Nachhauseweg unerhofft in Entzücken verwandeln kann.»

Anna Rosenwasser (27) arbeitet als freischaffende Journalistin und engagiert sich in der LGBT-Organisation «Milchjugend». Früher hat sie Harry Potter gelesen. Heute ist sie eine stolze Hufflepuff.


In der Rubrik «Mein Senf» lassen wir jeden Monat jemand Junges zum aktuellen Themenschwerpunkt zu Wort kommen. Alle bisher publizierten «Senf»-Texte findest du unter: #meinsenf


Porträt Anna Rosenwasser: Peter Hauser
Illustration: Stephan Lütolf

Tags: literatur meinsenf

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