Meinungen

«Mein Senf»: Der Fluch vom Lustigsein

«Erzähl mir etwas Lustiges.» Diesen Satz musste sich Philip als Pointenschreiber für «Giacobbo/Müller» oft anhören. Was Humor für ihn ausmacht, erzählt er in einer Geschichte aus seinem Alltag.

Ein Witzbuch fürs Theater

«Nur weil ich Witze schreibe, bin ich noch lange nicht ein witziger Typ. Im Gegenteil, sich hinzusetzen und lustig sein zu müssen, ist ein unlustiger Umstand. Vor kurzem kam ein Freund zu mir und meinte, er habe sich ein Witzbuch zugelegt. Eines, das er selber schreibe. Er sammle nun in den nächsten zehn Jahren Witze und Sprüche, welche er irgendwo lese oder höre. Was denn seine Absicht damit sei, fragte ich. Er finde, dass er nicht lustig sei, aber irgendwann ein lustiges Theaterstück schreiben möchte. Er sei sich diesem Widerspruch durchaus bewusst, doch damit er dann gewappnet sei, werde er nun ‹Witze vorsorgen›, es fehle ihm nur noch die zündende Idee für eine Geschichte. Ich fand diese Tatsache alleine schon sehr lustig. Wenn jemand, der von sich behauptet nicht lustig zu sein, ein lustiges Theaterstück schreiben möchte und sich nun mit fremden Witzen darauf vorbereitet, dann stellt das für mich sinnbildlich die Notwendigkeit von Humor dar. Auch eine angeblich unlustige Person möchte lustig sein und setzt sich dem Stress aus, mit Humor Akzente zu setzen.

Humor ist komplex

Humor funktioniert auf der zwischenmenschlichen Ebene. Du fandest diese Geschichte vielleicht überhaupt nicht lustig. Ich aber fand sie lustig, weil ich meinen Freund als Menschen kenne. Wie er es erzählte, seine Mimik, seine Ernsthaftigkeit und sein schelmisches Grinsen – all dies machte den Witz aus. Dieser Grundsatz der Zwischenmenschlichkeit war für mich wichtig beim Schreiben für ‹Giacobbo/Müller›. Ich musste mir Viktor Giacobbo und Mike Müller jeweils vorstellen, wie sie meine Pointe erzählen und konnte so abschätzen, ob es lustig rüberkam oder nicht. Humor ist komplex – ein Geflecht. Er wird zusammengesetzt aus eigenen Erfahrungen und Erlebnissen. Wir Menschen sind unterschiedlich, so wird auch Humor individuell wahrgenommen und interpretiert.

Geschichten die das Leben schreibt

‹Der Mann muss mich zum Lachen bringen›, steht oft in Kontaktanzeigen. Was bei der einen Frau funktioniert, funktioniert bei der anderen nicht. Ist mein Freund nun witzig oder nicht? Ich finde schon – er selbst findet nicht. Ich habe ihm empfohlen, seine Geschichte genau daran zu orientieren. Es soll darum gehen, wie jemand der meint nicht lustig zu sein, ein lustiges Theaterstück schreiben möchte. Geschichten direkt aus dem Leben funktionieren noch immer am Besten, das ist authentisch. Den einen gefällt was du machst, den anderen nicht, das ist beim Humor nicht anders. Einen Zuschauer für sein Theaterstück hat mein Freund jedenfalls auf sicher – sein Humor gefällt mir.»

Philip Spaar (34) arbeitet als Multimedia-Redaktor in der Unternehmenskommunikation. Er hat sechs Jahre für «Giacobbo/Müller» Pointen geschrieben, heute ist er nicht mehr lustig. Früher war alles besser.


In der Rubrik «Mein Senf» lassen wir jeden Monat jemanden zum aktuellen Themenschwerpunkt zu Wort kommen. Alle bisher publizierten «Senf»-Texte findest du unter: #meinsenf


Bild Philip Spaar: Martina Gotsch
Illustration: Stephan Lütolf

Tags: giacobbomueller humor meinsenf

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