«Mein Senf»: Religiöse Macht und Ohnmacht

SRF verfügt als einziges Medienhaus in der Schweiz über eine Fachredaktion, die sich ausschliesslich mit Fragen des Glaubens und der Religion beschäftigt. Wie SRF mit dieser Verantwortung umgeht – darüber denkt Sandro (23) nach.

«Dass SRF mit seinem lobenswerten Engagement alleine in der Schweizer Medienlandschaft steht, ist bedenklich, scheint doch gerade in der heutigen Zeit eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesen Themen so wichtig. Im Jahr produziert die SRF-Religionsredaktion rund 400 journalistische Beiträge. Diese können in zwei Gruppen unterteilt werden: Sendungen über Religion und religiöse Sendungen. Mit Sendungen über Religion wie den Sternstunden leistet die SRF-Religionsredaktion einen essentiellen und mehr oder weniger ausgewogenen Beitrag in der Schweizer Medienwelt. Gleichzeitig hält sie aber an religiösen Sendungen fest, die in unserer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr zeitgemäss sind: Im ‹Wort zum Sonntag› werden Gedanken aus sogenannt christlicher Sicht vermittelt. Dabei kommen Theologinnen und Theologen der drei Landeskirchen sowie ab und an ein Vertreter der evangelisch-methodischen Kirche zu Wort.

Das ist insofern heikel, da in der Schweiz nicht der Staat die Landeskirchen bestimmt, sondern die Kantone. Somit nimmt SRF eine Unterscheidung zwischen anerkannten und nicht anerkannten Weltanschauungsgemeinschaften vor. Das ist nicht im Sinn des Service public. Der sieht nämlich vor, dass Mehr- und Minderheiten nicht ausgeschlossen werden - jede/r dritte in der Schweiz Lebende ist nicht mehr Mitglied einer Landeskirche – immer mehr gehören einer muslimischen Gemeinschaft an und die faktische Mehrheit der Schweiz bezeichnet sich als religionsfern.

Die faktische Mehrheit der Schweiz bezeichnet sich als religionsfern.

Dass die Vereinbarung zwischen SRF und Kirche, solche subjektiven Sendungsgefässe auszustrahlen, immer wieder stillschweigend verlängert wird, könnte als reine Besitzstandwahrung interpretiert werden. Zumal die Konzession selber keinen solchen Auftrag enthält. Vor diesem Hintergrund hinterlässt die rühmliche Arbeit der SRF-Religionsredaktion einen bitteren Nachgeschmack. Sie raubt sich mit dieser Doppelgleisigkeit ihre eigene Glaubwürdigkeit. Wäre es denn nicht eine Möglichkeit, das ‹Wort zum Sonntag› als Wochenend-Kolumne einer breiten Autorenschaft zu Verfügung zu stellen?
Nie war es so wichtig wie heute, auch religionsferne Menschen zu animieren, sich intensiver mit Glauben auseinanderzusetzen. Dies zu ändern, ist aber nur mit einer objektiven oder ausgewogenen Berichterstattung möglich, die weder Nichtgläubige, noch AnhängerInnen anderer Religionen ausschliesst. Unser gesellschaftliches Zusammenleben ist ohne irgendeine Form der Religion gar nicht denkbar. Sie ist ein Spiegel unserer geistigen Souveränität oder eben Abhängigkeit.»

Unser gesellschaftliches Zusammenleben ist ohne irgendeine Form der Religion gar nicht denkbar.

In der Rubrik «Mein Senf» lassen wir jeden Monat jemand Junges zum aktuellen Themenschwerpunkt zu Wort kommen. Alle bisher publizierten «Senf»-Texte findest du unter: #meinsenf

Die Antwort von SRF:

«Lieber Herr Bucher, Sie unterscheiden sehr richtig zwischen Sendungen über Religion und religiösen Sendungen. Die Zusammenarbeit von SRF mit den Kirchen betrifft nur letztere: Fernseh- und Radio-Gottesdienste, ‹Wort zum Sonntag› und Radiopredigten. Die redaktionellen Formate zum Thema Religion wie ‹Sternstunde Religion›, ‹Blickpunkt Religion› oder ‹Perspektiven› sind von den Kirchen völlig unabhängig. Kirchen und Redaktion sind getrennt.
Wenn ich Sie richtig verstehe, halten Sie es für diskriminierend, dass es bei SRF nur christlich religiöse Sendungen gibt. Müssten nicht auch andere Religionsgemeinschaften Sendezeit beanspruchen können? Sollte es so etwas wie ein ‹Wort zum Freitag› oder ein ‹Wort zum Sabbat› geben? Oder einfach ein ‹Wort zum Wochenende›, das von jeder Gruppe gemäss ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung gestaltet würde? Und grundsätzlich: Warum sollen Religionsgemeinschaften im gebührenfinanzierten Rundfunk überhaupt Sendezeit bekommen? Ist das nicht ein alter Zopf, der längst abgeschnitten gehört?
Die Haltung von SRF ist die folgende, nachzulesen in den Vereinbarungen zwischen SRF und den drei Landeskirchen der deutschen Schweiz:‹In der Schweiz nehmen die christkatholische Kirche, die römisch-katholische Kirche sowie die evangelisch-reformierten Kirchen aus mehreren Gründen eine Sonderstellung ein. Die Geschichte dieser Kirchen ist mit der Geschichte des Landes eng verwoben. Christliche Werte, Glaubensüberzeugungen und Symbole sind tief in seiner Kultur verankert. Die Kirchen stehen gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen nahe und leisten einen Service public, der Respekt und öffentliche Anerkennung geniesst, auch wo Kirche und Staat getrennt sind. Noch immer machen die Mitglieder der drei Landeskirchen den grössten Teil der religiös orientierten Menschen des Landes aus. Aus diesen Gründen pflegt SRF unbeschadet seiner Autonomie und Unabhängigkeit zu diesen Kirchen besondere Beziehungen.›
Dennoch sollen bei SRF auch andere religiöse Gruppierungen mit überregionaler Verbreitung in angemessener Form im Programm berücksichtigt werden. Was auch geschieht: Einmal im Jahr wird im Fernsehen auf SRF 1 ein Gottesdienst einer anderen Religion übertragen – z.B. eine muslimische, hinduistische, jüdische oder orthodoxe Feier. Darüber hinaus berichtet die Sendung ‹Bilder zum Feiertag› über alle Religionen und nicht-landeskirchlichen Konfessionen. Dazu gehören der Islam, das Judentum, der Buddhismus, der Hinduismus, die Ostkirchen u.a. Die ‹Bilder zum Feiertag› existieren seit den 1990er-Jahren und werden rund 6mal jährlich an Feiertagen auf SRF 1 ausgestrahlt.
Sie haben vollkommen Recht, lieber Herr Bucher, die mediale Auseinandersetzung mit dem Thema Religion ist heute wichtiger denn je. Wenn Sie sich die redaktionellen Sendungen der SRF-Fachredaktion Religion anschauen und anhören – sei das ‹Sternstunde Religion›, ‹Blickpunkt Religion› oder ‹Perspektiven›, werden Sie eine ausgewogene, unabhängige Berichterstattung feststellen, die keine Gruppierung ausschliesst und sich an den journalistischen Kriterien der Aktualität und Relevanz orientiert.»

Judith Hardegger, Redaktionsleiterin SRF Sternstunden

Illustration: Stephan Lütolf
Portrait Sandro Bucher: huenerfauth.ch

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