Meinungen

«Mein Senf»: Von Yellow Press, Selbstzensur und Staatsfernsehen

In der Rubrik «Mein Senf» lassen wir jeden Monat jemand Junges zu Wort kommen. Dieses Mal erzählt SRG Insider-Praktikantin Elena Tzvetanova (28) von ihren Erlebnissen in der chaotischen Medienwelt Bulgariens.

«Mindestens einmal täglich rege ich mich über das Schweizer Medienangebot auf. Mit voyeuristischen ‹Breaking News› über Trashpromis wie Kim Kardashian und Miley Cyrus treiben mir sogenannte Journalisten die Schamesröte ins Gesicht. Doch auch wenn ich oft über die Berichterstattung herziehe, so bin ich doch froh, haben wir zu grossen Teilen freie, unabhängige Medien. Denen verdankt die Schweiz ihre funktionierende Demokratie und Öffentlichkeit, denn Medien sind die Basis jeder Demokratie. Wenn man aber ausserhalb der eidgenössischen Grenzen blickt, sieht die Situation alles andere als rosig aus. Insbesondere in Südosteuropa werden Medien für politische Zwecke instrumentalisiert – so auch in meiner Heimat Bulgarien.

Willkommen im Yellow-Press-Himmel

In der bulgarischen Hauptstadt Sofia versuchte ich vorletztes Jahr als Kommunikationswissenschaftlerin in der Medienbranche Fuss zu fassen. Sollte kein schwieriges Unterfangen sein, dachte ich mir damals; schliesslich habe ich einen Schweizer Uniabschluss und das bulgarische Medienangebot könnte nicht grösser sein. Denn frei nach dem Motto ‹Masse statt Klasse› schiessen in der südosteuropäischen Republik Zeitschriften, TV-Sender & Co. wie Pilze aus dem Boden. Mittlerweile stehen im bulgarischen Medienmarkt über 400 Zeitungen und 203 TV-Sender in Konkurrenz zueinander – eine beachtliche Anzahl für einen Staat, der knapp 7 Mio. Einwohner beheimatet. Doch so gross auch das Medienangebot ist, so klein ist die qualitative Berichterstattung mit politisch ausgewogenen Inhalten. Während Qualitätsmedien sich an einer Hand abzählen lassen, strotzen die Kioske voller Klatschblätter. Als ich vorletzten Sommer Zeuge wurde, wie zwei neue Boulevardblätter am selben Tag auf den Markt kamen, stellte ich mir die Frage: Wieviel Yellow Press kann eine Nation noch vertragen?

Selbstzensur als journalistischer Standard

Was unabhängige Berichterstattung betrifft, ist auch auf den öffentlich-rechtlichen Sender BNT kein Verlass. Dieser wird nämlich aus Staatszuschüssen und Werbung finanziert und könnte staatsnaher nicht sein. Freunde, die bei BNT arbeiten, machen keinen Hehl daraus, dass sie starkem politischen Druck ausgesetzt sind und Selbstzensur betreiben. Auch private Stationen haben keine hohen professionellen Standards. So zahlt der quotenstarke Sender Nova-TV lieber in bekannter Boulevard-Manier Pamela Anderson und Dennis Rodman Beiträge in Millionenhöhe für eine ‹Big Brother»-Teilnahme statt in qualitative News-Sendungen zu investieren.

Vor diesem Hintergrund war mein Schicksal schnell besiegelt: Ich kehrte der anarchistischen Medienwelt den Rücken, landete bei einem grossen internationalen Konzern, langweilte mich über sechs Monate hinweg tagtäglich mit monotoner Büroarbeit und fand dann schliesslich den Weg zurück in die Schweiz. Auch wenn die ‹Kim Kardashian›-Stories immer noch nicht nachgelassen haben, bin ich glücklich wieder hier, auf eidgenössischem Boden, zu sein. Hier, wo die Medien nicht nur grundsätzlich frei sind, sondern auch tatsächlich unabhängig arbeiten.»

Elena Tzvetanova (28) hat an der Universität Zürich Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert. Sie ist jetzt als Praktikantin bei SRG Insider tätig.


In der Rubrik «Mein Senf» lassen wir jeden Monat jemand Junges zum aktuellen Themenschwerpunkt zu Wort kommen. Alle bisher publizierten «Senf»-Texte findest du unter: #meinsenf

Alle Beiträge zum Januar-Schwerpunkt «swissinfo.ch» findest du hier: #swissinfo

Bild: Imagopress/Patrick Lüthy
Illustration: Stephan Lütolf

Tags: demokratie journalismus medien meinsenf swissinfo

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