Behind the Scenes

«Das Wichtigste ist, die richtige Auswahl zu treffen»

Der Musikredaktor Urs Musfeld ist seit 35 Jahren beim Radio und seit 33 Jahren bei «Sounds!». Grund genug, um uns von ihm mehr über diesen Beruf und seine spannende Arbeit beim Radio erzählen zu lassen, haben wir uns gedacht, und ihn in seinem mit tausenden CDs bestückten Büro in Zürich besucht.

SRG.D: War Musikredaktor schon immer dein Traumberuf, oder wolltest du etwas ganz anderes werden?

Urs Musfeld: Als Kind wollte ich zuerst Bahnhofsvorstand werden, dann Architekt. Mein Studium war dann darauf ausgerichtet, Lehrer zu werden, aber eigentlich war es mein Traum, einen Beruf zu haben, der im weitesten Sinn mit Musik zu tun hat.

Wie bist du dann zum Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) und «Sounds!» gekommen?

Als ich studierte, wurde ich von einem Bekannten angefragt, ob ich Lust hätte, um etwas Geld zu verdienen, LPs im Poparchiv im Studio Basel zu archivieren. So kam ich dann auch dazu, meine ersten Radiosendungen zu machen. Ich wusste damals schon, dass ich nicht mehr Lehrer werden wollte und deshalb war der Einstieg beim Radio für mich ideal. Von «Sounds!» war ich bereits als Hörer ein Fan.

Was macht eigentlich ein Musikredaktor oder eine Musikredaktorin?

Als Musikredaktor stelle ich den Ablauf zusammen und schreibe das Manuskript, das dem Moderator der Sendung als Gerüst für seinen Text dient. Das Wichtigste ist, die richtige Auswahl zu treffen. Erst durch meine Erfahrung gelingt es mir, neue Musik auch richtig einordnen und gewichten zu können und die relevanten Künstler und Alben zu identifizieren. Ohne diesen Teil ist es kein richtiger Journalismus und hat die Arbeit meiner Meinung nach auch keine Berechtigung. Mit der Zeit entwickelt man ein Gehör dafür, welche Bands etwas Spezielles sind.

Welche Voraussetzungen muss man für den Job Musikredaktor oder Musikredaktorin mitbringen? Hast Du eine entsprechende Ausbildung absolviert?

Die wichtigste Voraussetzung ist sicherlich die Leidenschaft für Musik. Doch es reicht nicht, zu sagen «ich finde Musik toll», sondern man sollte schon auch ein breites Allgemeinwissen über Musik haben und fähig sein, das Gehörte in einen Gesamtkontext zu stellen. Ausserdem sollte man auch vom journalistischen Handwerk eine Ahnung haben. So habe ich zum Beispiel während meinem Studium für eine Studentenzeitung Artikel über Musik geschrieben und redigiert. Eine Ausbildung innerhalb des Radios, vergleichbar mit derjenigen für Moderatoren, gibt es für Musikredaktoren nicht, dieses Wissen muss man sich selbst aneignen.

Und wie bleibst du auf dem Laufenden?

Durch ständige Lektüre, die heutzutage in erster Linie im Internet, auf Blogs oder in einschlägigen Online-Magazinen, stattfindet. Dann lese ich natürlich Musikmagazine wie «Spex», «Musikexpress» oder auch englische Titel. Dieser Prozess läuft ständig, auch am Wochenende lese ich alles, was mir zu Musik in die Finger kommt.

Was ist das Beste an deinem Job?

Das Spannendste an meinem Beruf ist, sich ständig mit neuer Musik auseinander zu setzen und sich zu überlegen, wie sie vermittelt werden kann. Dabei vertraue ich auf meinen Instinkt. Ich spiele, was mich interessiert, das heisst, ich muss nichts spielen, was mir nicht gefällt, nur weil es gerade «in» ist. Darin unterscheiden wir uns zum Beispiel auch von den Zeitungen, die auch mal eine Rezension von einem schlechten Album drucken.

Was war bisher dein persönliches Highlight bei «Sounds!»?

Am besten gefiel mir die Zeit in den 80er-Jahren, als wir Live-Übertragungen von den Festivals wie Montreux oder Nyon gemacht haben und aus einem Wohnwagen übertragen haben. Die Künstler mussten damals zu uns in den Wohnwagen kommen und in den Konzertumbauphasen habe ich mit LPs ein Rahmenprogramm zusammengestellt. Da war man wirklich hautnah mit den Bands, was zu manch witzigen und skurriler Situation geführt hat. Diese Atmosphäre von Live-Übertragung und Improvisation ist für mich etwas ganz Spezielles.

Was wäre dein Traum-Interviewpartner?

David Bowie wäre sicherlich ein sehr interessanter Gast für ein zweistündiges Interview bei «Sounds!», John Cale und Leonard Cohen hatten wir ja bereits in der Sendung. Generell interessieren mich Musiker, die auch etwas zu sagen haben, über die man mehr erfahren möchte und wo man die Person dahinter kennenlernen möchte. Düsi fragt zum Beispiel die Gäste auch mal, was sie zurzeit gerade lesen und daraus entstehen dann manchmal die spannendsten Gespräche.

Wie geht es weiter? Was würdest du beruflich gerne noch machen?

Ich möchte auf jeden Fall die dreieinhalb Jahre bis zu meiner Pensionierung noch bei «Sounds!» bleiben und dabei weiterhin jedes Jahr im Sommer neue Festivals in Europa zu besuchen, um neue Bands zu entdecken und meine Lieblingsbands live zu sehen. Dieses Jahr würde ich zum Beispiel gerne nach Hamburg ans «Reeperbahnfestival» oder nach Paris ans «Pitch Fork Festival» und natürlich wie jedes Jahr an die «Bad Bonn Kilbi».

«Sounds!» kann Montag bis Freitag von 22 bis 24 Uhr auf Radio SRF 3 oder als Podcast gehört werden.

Interview: SRG.D/Viviane Aubert
Bild: SRF/Oscar Alessio

Tags: interview sounds themenwoche

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