Von der Geburt des Pingu

Sie haben uns alle durch die Kindheit begleitet: Pingu und seine Entourage. Doch wie kam SRF überhaupt zu der beliebten Knetfigur? Erika Brüggemann, Teil des Erfinderduos beim damaligen Schweizer Fernsehen SF, lässt Revue passieren.

«Lange Zeit hatten wir im Kinderprogramm eine Identifikationsfigur für Kinder. ‹Tobi› hiess die Marionette und war jahrelang der Erfolg. Er war offenbar aus gutem Holz geschnitzt und wurde sogar als Ehrengast nach Frankfurt in Otto Schenks Sendung ‹Blauer Bock› eingeladen. Tobis Fäden sind dann irgendwann einmal gerissen und für Marionetten und weitere Identifikationsfiguren herrschte lange Zeit Sendepause.

Trockenübungen in der Kantine

Nach ständigen Anfragen entschieden wir 1984: Wir brauchen wieder eine solche Figur! Guido Steiger, damals Redaktionsleiter ‹Kinderprogramm›, und ich suchten nach einer ähnlichen Figur wie ‹Tobi›. Durch Zufall – inzwischen glaube ich längst nicht mehr an Zufälle – lernten wir Otmar Gutmann kennen. Könnte unsere Figur eine Knettrickfigur sein? Otmar stellte uns seine Seelöwen vor. Eine Identifikationsfigur, die kriecht? Nein, fand ich, die neu zu schaffende Figur muss aufrecht gehen. Etwas unbeholfen zwar, linkisch, frech, aber nie böse. ‹Warum nicht ein Pinguin›, schlug ich vor und Guido Steiger war sofort begeistert. Nicht so Otmar, der hatte doch in Hausen am Albis so viele Seelöwen stehen. Letztlich kamen wir aber trotzdem zu unserem Pinguin. Nach unzähligen Vorführungen meinerseits im hintersten Teil der Kantine, wie ‹mein› Pinguin sich zu bewegen habe, stand die Figur. Ein Pinguin nicht wie jeder andere – und doch wie jeder andere.

Ab in die Schublade

Mit Hilfe von Peter Harrer, dem damaligen Chef Grafik, kratzten wir das Geld für einen Pilotfilm zusammen. Er wurde erstellt – und landete in unserer Abteilung in einer Schublade. Niemand hatte Interesse daran. Daraufhin schickten wir den Pilotfilm, leicht gekürzt, an das Kinderfestival in Berlin. Und dort bekam er prompt einen Preis, den ‹Silbernen Bären›. Unser damaliger Fernsehdirektor Ulrich Kündig wurde am nächsten Tag angerufen, wer denn Pingu produziert habe. Er wusste es nicht, aber wenn das Produkt so gut sei, meinte er, komme es sicher aus der Abteilung ‹Unterhaltung›. Nachdem die Kollegen dort auch nichts davon wussten, wurde man langsam aber sicher doch noch fündig – und Kündig staunte. Von nun an gings bergauf mit unserem Pinguin-Projekt.

Muesch uf de Rigi!

Anfangs schrieben Guido und ich die Geschichten, später nur noch ich. Vor allem Geschichten aus meiner Kindheit, und davon hatte ich reichlich anzubieten. Deren Umsetzung gelang Otmar unvergleichlich gut. Diese Produktionszeit werde ich nie vergessen. Er war schwierig im Umgang, und ich nicht weniger. Wir hatten uns so viel vorgenommen. In Notfällen verschwand er und war nicht mehr auffindbar. Dann erhielt ich ein Telefon von Guido Steiger: ‹Brügge, muesch wieder emal uf de Rigi! Er hockt döt obe!› Diesen Berg kenne ich inzwischen gut.

Pingu ist jetzt in guten Händen

1990 erhielt Pingu den ‹Prix Jeunesse›. Den wiederum holte weder Otmar Gutmann noch ich in München ab, sondern Verena Billeter, die damalige Redaktionsleiterin ‹Kinder›. Die PR-Firma Editoy AG roch den Braten und sicherte sich die Rechte. Bald hatte Pingu mit unseren einstigen Qualitätsansprüchen nicht mehr viel zu tun. Nach der ersten Staffel von 26 Folgen zog ich mich zurück. Neue Autoren wurden gesucht. Otmar ist vor ein paar Jahren gestorben. Die Produktion ging weiter. Diesem Pinguin weine ich nicht nach. Die Konturen haben sich verwischt – und nicht nur die Konturen. Letztes Jahr hat eine Produktionsfirma aus England alles aufgekauft. Auch die noch von Otmar hergestellten Originalfiguren. Ich war letzten Sommer in Manchester und habe dort ein hochmotiviertes Team angetroffen, das mit grossem Engagement, Humor und Verantwortung Kindern gegenüber an die Arbeit geht. Ich glaube, Pingu ist jetzt in guten Händen.»

Der Text von Erika Brüggemann, langjährige Redaktorin im Kinder- und Jugendprogramm, ist ursprünglich in der Jubiläumsausgabe LIVE im September 2003 erschienen.

Bild: SF DRS

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