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«Fall Marie»: Wann dürfen Opfer und Täter mit Namen genannt und im Bild gezeigt werden?

Der «Fall Marie» wirft Fragen zum Schutz der Privatsphäre von Opfern und Tätern auf. SRF-TV-Chefredaktor Diego Yanez kommt im aktuellen internen Newsletter der Chefredaktion Fernsehen auf dieses Thema zu sprechen. An den Redaktionssitzungen der News-Sendungen wurde kontrovers darüber diskutiert. Yanez beruft sich in seinen Ausführungen auf die Publizistischen Leitlinien und betont, dass Schweizer Radio und Fernsehen «eine hohe Breitenwirkung erzielt und umso höhere Anforderungen an sich stellen muss».

Diego Yanez hält im internen Newsletter fest (Auszug)

«Der 'Fall Marie' hat einmal mehr Fragen zum Schutz der Privatsphäre von Tätern und Opfern aufgeworfen.
Unsere Publizistischen Leitlinien halten im Kapitel 6.8 folgenden Grundsatz fest:
Namen von mutmasslichen Tätern und Täterinnen, gegen die ein Strafverfahren läuft, und von Opfern von Straftaten oder von Katastrophen werden von uns grundsätzlich nicht genannt. Die Unschuldsvermutung (Art. 6.9 Unschuldsvermutung) und der Schutz der Privatsphäre von Opfern sind wichtige Rechtsgüter (Art. 32 BV). Von einer Namensnennung sind nicht nur die Genannten selbst, sondern auch ihre Angehörigen ganz erheblich betroffen. Mutmassliche oder verurteilte Straftäter sind grundsätzlich so zu bezeichnen, dass sie nicht identifizierbar sind. (...).
Selbstverständlich gilt dieser Grundsatz auch für den Umgang mit Bildern von Tätern und Opfern. Weder Täter noch Opfer von Kriminalfällen werden gezeigt, solange kein übergeordnetes öffentliches Interesse im Spiel ist. Ein solches öffentliches Interesse gilt etwa dann, wenn ein gefährlicher Täter sich auf der Flucht befindet und eine Gefahr für Leib und Leben von ihm ausgeht. Ebenfalls rücken wir vom Grundsatz der Anonymisierung ab, wenn es sich beim Täter oder beim Opfer um eine Person des Zeitgeschehens handelt, eine Person also, die mit Name und Bild einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist.

Übertragen auf das Tötungsdelikt im «Fall Marie» war deshalb folgerichtig, dass wir sowohl das Opfer wie den Täter (...) nicht im Bild gezeigt haben. Trotzdem stiess der Entscheid, auch das Opfer nicht zu zeigen, bei einigen im Haus auf Unverständnis, meist mit dem Argument, die anderen Medien würden die Frau schliesslich auch zeigen. Das kann aber nicht unser Massstab sein – Allein schon deshalb nicht, weil wir mit unserem Medium eine sehr hohe Breitenwirkung erzielen und umso höhere Anforderungen an uns stellen müssen. (...)

Eine neue, ausserordentliche Situation ergab sich dann zwei Tage nach der Nachricht vom Tod Maries. Ihr Vater, gleichzeitig der Pfarrer der Gemeinde, äusserte sich in der Öffentlichkeit und gab Interviews. Und nicht nur das, er liess sich von unserer Reporterin nach Hause begleiten und zeigte ihr ein Erinnerungsalbum mit Fotos seiner getöteten Tochter. Nun war das Unverständnis noch grösser, warum wir diese Fotos nicht zeigen sollten. (...)

Auch hier haben wir uns bewusst gegen eine Publikation der Fotos entschieden. Es reicht vollauf, den Vater zu zeigen, wie er im Fotoalbum blättert und sich die Fotos anschaut – ohne dass wir das Publikum diese Fotos mit anschauen lassen. Alles andere ist Voyeurismus und eine unnötige Emotionalisierung, die nicht unserem journalistischen Verständnis entspricht. (...).»

Quelle: SRF/CR-TV-Newsletter; NL Inside SRG 22/13

Tags: leitlinien medienrecht srf

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