Meinungen

«Mein Senf»: Wenn die Work-Life-Balance auf dem Kopf steht

Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis es kommen würde: dieses Homeoffice. Als dann die Verbannung aber fix angeordnet wurde, musste unser Social-Media-Tätschmeister Raphael doch bizzli leer schlucken. Mehrere Wochen von zuhause aus arbeiten, das könnte knifflig werden. Nicht aufgrund der Technik: die funktionierte von Beginn an tiptop. Sogar so gut, dass sich Raphael selbst die Frage stellte, warum er dieses Homeoffice nicht schon früher mal versucht hat.

Raphael arbeitet in einem separaten Raum mit geschlossener Türe im Homeoffice

Ach ja, darum!

Das Homeoffice funktioniert bei mir ehrlich gesagt nur dank meiner Frau so gut. Weil ihr Arbeitgeber kaum mehr Flugzeuge in der Luft hat, ist auch sie die meiste Zeit zuhause. So kann sie sich um unsere Tochter kümmern, während ich mich in unser Büro verbarrikadiere. Unsere Tochter freut sich offenbar über meine mehr oder weniger permanente Anwesenheit. Scheinbar so sehr, dass sie manchmal nicht versteht, warum ich jetzt nicht mit ihr spielen, Musik machen oder zum elften Mal am Tag das Buch mit dem Fuchs («Oh, ein Fuchs!») vorlesen kann.

Business as usual?

Unsere einjährige Tochter ist auch der Grund, warum ich mich trotz #staythefuckhome nicht wirklich eingesperrt oder isoliert fühle. Konzerte, Sportveranstaltungen oder Besuche im Kino waren auch vor dem Lockdown nicht wirklich an der Tagesordnung. Partys schon gar nicht. Und noch weniger ein Besuch im Fitnessstudio. Man muss ja schliesslich Prioritäten setzen.

Aber natürlich vermisse ich es, mit den Kollegen mal eines dieser seltenen Feierabendbiere zu trinken. Oder den obligaten, monatlichen Burger (Ich bin übrigens auf der Suche nach dem Besten der Schweiz. Hat irgendwer Tipps?). Oder der persönliche Austausch mit Familie und Freunden. Oder mit den Bürogspändli. Ich meine: wen begrüsse ich jetzt morgens mit dem Wham!-Klassiker «Last Christmas» im Büro? (Kleiner Hint: Das ist der absoltue No-Go-Song von meinem Gspändli am Tisch gegenüber.) Eben.

Dernièren und Premieren

Ich versuche jedoch, mir auch die guten Seiten jeweils in Erinnerung zu rufen. Ich weiss schon gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal einen Spurt hinlegen musste, um am Morgen den Zug zur Arbeit noch zu erwischen. Ok, das war gelogen: das war am letzten Tag vor dem Homeoffice der Fall. Und am Tag davor. Jeden. Tag. Davor. Damit hat sich auch mein tägliches Sportprogramm auf null reduziert. Aber das macht nichts. Ich habe nämlich das Gefühl, ich ernähre mich im Homeoffice gesünder – trotz der gefährlichen Nähe zum Kühlschrank. Ich esse sogar jeweils ein richtiges Frühstück. Ok, wow. Das letzte Mal war das wahrscheinlich vor rund 10 Jahren der Fall.

Die Musik als Motor

Nach dem Frühstück gehe ich ins Büro (ich habe gezählt, es sind von der Küche via Badezimmer exakt 25 Schritte). Als erstes werden der Laptop gestartet und die erforderlichen Programme geöffnet. Parallel dazu starte ich am Mac daneben (so ein zweiter Bildschirm hat schon was!) den Livestream von Radio SRF 3. Ohne Musik geht es nicht. Der Livestream begleitet mich durch den ganzen Tag und weil das Programm mit noch mehr Schweizer Musik angereichert wurde, lerne ich so auch noch neuen Sound kennen. Cool!

Das Mittagessen ist ebenfalls eine willkommene Abwechslung. Ich meine, das Essen im Personalrestaurant ist völlig ok. Aber irgendwann hat man es doch auch mal gesehen. Und das Beste ist: ich kann essen, was immer ich will und wann immer ich will. Für einen Burger muss ich beispielsweise nicht bis zum sogenannten «Burger-Donnerstag» in der Kantine warten. Aber natürlich muss alles selbst gekocht werden. Und das soll trotz Homeoffice speditiv gehen.

Alles in allem habe ich das Gefühl, die Zeit vergeht wie der Blitz. Am Abend freue ich mich jeweils, ohne Umweg über den öffentlichen Verkehr zuhause zu sein und meine Tochter in die Arme zu schliessen. Und meine Frau. Ohne sie fiele mir das Homeoffice wohl nicht so leicht.


Hier drei Tipps für dich, welche mich bei einem Durchhänger wieder an bessere Zeiten erinnern:

«Sykora Gisler»

Die Challenge League hat Pause, die Europameisterschaft wurde auf nächstes Jahr verschoben und auch der Run auf einen Wildcard-Spot der Chicago Blackhawks wurde unterbrochen. Im Podcast «Sykora Gisler» hole ich mir meine Portion Sport. So wie ich es mag: passiv, mit unterhaltenden Gesprächen und einer guten Prise Humor.

Keyvisual «Sykora Gisler»

«Hotel zum Glück»

Diese Serie habe ich mir zwar schon vor ein paar Wochen angeschaut. Aber was für die Protagonistinnen und Protagonisten der Serie gilt, ist auch in diesen Zeiten für viele Menschen von grosser Bedeutung. Hoffnung auf bessere Zeiten und Chancen nutzen, wenn sie sich bieten.

Keyvisual «Hotel zum Glück»

«Rick Stein»

Reisen liegt im Moment nicht drin. Kulinarische Höhenflüge aufgrund der knapp bemessenen Mittagszeit ebenfalls nicht. Aber hey, dank «Rick Stein» kann ich in einer Sendung gleich beides erleben. Ja, ich geb es zu: in diesen Zeiten bin ich schnell zufriedengestellt.

Keyvisual «Rick Stein»

In der Rubrik «Mein Senf» lassen wir in unregelmässigen Abständen jemand Junges zum aktuellen Themenschwerpunkt zu Wort kommen. Alle bisher publizierten «Senf»-Artikel findest du unter: #meinsenf


Text: Raphael Diethelm
Bild: Raphael Diethelm

Tags: homeoffice lockdown meinsenf meinungen smartwork

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