Meinungen

Religion: Auch im Publikumsrat vertreten

Die 26 Mitglieder des Publikumsrates repräsentieren die verschiedenen Bevölkerungsgruppen und gesellschaftlichen Interessen in der Schweiz. So sitzen auch zwei Vertreter der beiden Landeskirchen im Rat. Einer von ihnen ist Charles Martig, Direktor des Katholischen Medienzentrums.

SRG Insider: Siehst du dir, mit deinem Hintergrund, die Programme anders an als deine Ratskollegen?
Charles Martig: Ich schaue die Sendungen zuerst als Publikumsvertreter. Da ich aber auch katholisch bin, interessiert mich das Menschenbild der Beiträge, die vermittelten Werte, die Herangehensweise der MacherInnen und ihre berufs-ethische Perspektive. Zudem beobachte ich natürlich auch, wie Religion bei SRF dargestellt wird. Wenn mir bestimmte Fehlleistungen oder besonders gelungene Beispiele zum Thema Religion auffallen, bringe ich dies ein.

Welches sind in deinen Augen gute Beispiele?
Besonders gelungen war die Live-Schaltung von Fernsehen SRF bei der Wahl von Papst Franziskus mit Norbert Bischofberger als Experte direkt auf dem Sender. In der Information von Radio SRF ist eine sehr gute Qualität der Berichterstattung zu erkennen.

Und die weniger gelungenen?
Immer wieder gibt es aber in der Information von Fernsehen SRF auch Fehler, wie zum Beispiel die Aussage, dass der Ostersegen «Urbi et orbi» zum Sündenerlass führt. Diese Darstellung ist stark verkürzt und weckt den Eindruck, dass das einfache Verfolgen des Segens am Radio, Fernsehen oder im Internet schon genügt, um alle Sünden los zu werden.

In der Unterhaltung gab es eine Sendung von «Giacobbo/Müller», die die katholische Eucharistie ins Lächerliche gezogen hat. Die Sendung hat Einsprachen an den Ombudsmann ausgelöst. Dieser stellt eine Verletzung des Schutzes von religiösen Gefühlen und somit einen Verstoss gegen das RTVG fest.

Wird Religion deiner Meinung nach in Radio und Fernsehen genug thematisiert?
Religion ist in den Medien sehr gefragt. Obwohl Radio und Fernsehen bereits mit eigenen Fachredaktionen zu Religion arbeiten, könnte es durchaus noch mehr Beiträge geben. Dies wäre in allen Gefässen und Sendeformaten notwendig: sowohl in der Information als auch in der Unterhaltung sehe ich zusätzliche Möglichkeiten. Es gibt insbesondere in der Information eine bestimmte «Schieflage» in der Wahrnehmung von Religion: hier sind Konflikte, Skandale, Gewalt und Misswirtschaft im Vordergrund. Dass Religion auch einen wichtigen Beitrag zur Integration und zum Frieden in der Gesellschaft leistet, wird weitgehend ausgeblendet.

Welche zusätzlichen Möglichkeiten siehst du?
Es gibt internationale Unterhaltungsformate wie den «Religions-Tausch», die SRF testen könnte. Dabei wohnen junge Leute während einer bestimmten Zeit bei einer Familie mit einer anderen Weltreligion. Zum Beispiel wohnt ein Muslim bei einer evangelischen Familie, ein Katholik geht in eine buddhistische Familie, ein Reformierter lebt eine Woche bei einer jüdisch-orthodoxen Familie etc. Das Format wurde in Australien bereits ausgetestet. Zudem wäre es auch möglich, eine Pilgersendung im Stil von «Auf und davon» zu produzieren.
Und in der Information?
Es gibt bei SRF eine eigene Fachredaktion für Religion: Die konvergente Redaktion der Sternstunden und Radio. Es wäre sehr angebracht, dass in der Information noch viel stärker auf diese Fachredaktorinnen und -redaktoren zurückgegriffen wird.

Im «Wort zum Sonntag» beispielsweise werden Gedanken aus «landeskirchlicher» Sicht vermittelt. Es gibt Zuschauerinnen und Zuschauer, die bemängeln, dass es an Gefässen fehlt, in denen Atheisten/Konfessionslose kommentieren dürfen und dass der Fokus bei den Sendungen primär bei den Landeskirchen liegt. Was ist deine Meinung dazu?

Das «Wort zum Sonntag» ist ein christlicher Kommentar zum Zeitgeschehen. Die Sprecher sind nicht als Vertreter der Landeskirchen im Fernsehen SRF, sondern bringen ihre eigene Meinung ein. Diese persönliche Sicht der SprecherInnen ist ein wichtiger Bestandteil des Formats. Die Medienzentren der Landeskirchen arbeiten mit SRF zusammen, wählen gemeinsam geeignete Sprecherinnen und Sprecher und bilden diese aus. Konfessionslose benötigen diese Plattform nicht, weil sie bereits durch viele Journalistinnen und Journalisten in den Redaktionen von SRF vertreten sind. Auch im Publikumsrat gibt es Konfessionslose, die ihre Meinung in die Beobachtungen einbringen.


Charles Martig ist Theologe und Medienwissenschaftler. Er arbeitet als Direktor des Katholischen Medienzentrums in Zürich und leitet das Online-Portal kath.ch für Religion, Politik und Gesellschaft.


Mehr Informationen zur Arbeit des Publikumsrates findest du auf der Website der SRG.D.

Interview: Laura Verbeke (das Interview wurde schriftlich geführt.)
Kachelbild: Josh Kenzler via flickr.com
Bild: zVg.

Tags: publikumsrat religion

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