Meinungen

«Mein Senf»: Die Qual der Wahl

In der Rubrik «Mein Senf» erzählt Benjamin Krähenmann (22) von «seinem» Wahlsonntag und zeigt auf, was seiner Meinung nach der Grund sein könnte, wieso die Wahlbeteiligung an den eidgenössischen Wahlen 2015 so niedrig war.

«Wahlsonntag. Aufstehen. Fernseher an. Hallo Susanne Wille – wir werden den heutigen Tag gemeinsam verbringen. Es ist Vormittag und eigentlich noch viel zu früh, den Fernseher einzuschalten. Der Informationsgehalt der ersten paar Stunden tendiert gegen Null, abgesehen von einigen Schaltungen in die Kantone gibt es nicht wirklich viel Neues zu erfahren. Die von Claude Longchamp gebetsmühleartig wiederholten Prognosen kenne ich mittlerweile auswendig. Rechtsrutsch hier, Sitzverluste der ‹Neuen Mitte› und der Grünen dort. Spannend wird es, wenn das Wort Wahlbeteiligung fällt. Die 50-Prozent-Hürde wird wiederum nicht übersprungen, schlussendlich resultierte eine durchschnittliche Wahlbeteiligung von 48.4%. Allein im Kanton Zürich beteiligte sich knapp eine halbe Million nicht an den eidgenössischen Wahlen.

Überforderung oder Gleichgültigkeit?

Claude Longchamp meint in der sonntäglichen Wahlsendung, dass die Direkte Demokratie einen Einfluss auf dieses tiefe Interesse haben könnte. Die Schweizer Wahlberechtigten können etwa vier Mal jährlich abstimmen, während beispielsweise in Deutschland nur alle vier Jahre ein neues nationales Parlament bestimmt werden kann. Überfordert folglich dieses direktdemokratische System – will man gar nicht so oft mitentscheiden? Oder ist es nicht viel eher die Gleichgültigkeit, welche die Mehrheit von der Urne fernhält? Schliesslich machen die in Bern doch eh was sie wollen. Das ganze Interesse der Abgeordneten beschränkt sich darauf, ihre eigene Wiederwahl zu sichern. Der einfache Bürger liegt denen nicht am Herzen, sind ja sowieso fast alles Intellektuelle, unabhängig davon, ob sie am linken oder rechten Rand politisieren.

Die Faust aus dem Sack nehmen

Denken wirklich mehr als 50% der Schweizer Wahl- und Stimmberechtigten so? Wohl kaum. Aber alle, die es tun, sollten sich bewusst sein, dass sie dadurch nichts ändern, geschweige denn verbessern können. Die Faust im Sack findet weder Lösungen für die Klimafrage noch die Rentenproblematik oder das Asylwesen. Gleichgültigkeit und Selbstmitleid waren und sind keine lösungsorientierten Einstellungen. Wollt ihr denn wirklich, dass die Regeln unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens von einer Minderheit bestimmt werden? Dass die stärkste Partei der Schweiz gerade einmal 14% aller Wahlberechtigen repräsentiert? Oder dass eine Bundesrätin einer Partei angehört, die von mickrigen 2% gewählt wurde?

Falls dem so ist, hatte Skor eben vielleicht doch recht: ‹Jetzt isch Winter i de Schwiiz, jede Summer gaht verbi.›»

Benjamin Krähenmann (22) hat an der Universität Zürich Politikwissenschaft und Geschichte der Neuzeit studiert und im Juni 2015 sein Bachelorstudium abgeschlossen. Er lebt in Zürich und arbeitet bei der Genossenschaft Veloblitz als Velokurier und in der Administration. Seit sechs Jahren ist er als Stimmenzähler tätig.


In der Rubrik «Mein Senf» lassen wir jeden Monat jemand Junges zum aktuellen Themenschwerpunkt zu Wort kommen. Alle bisher publizierten «Senf»-Texte findest du unter: #meinsenf


llustration: Stefan Lütolf
Portrait Benjamin Krähenmann: Lorenzo Schuhmacher

Tags: demokratie meinsenf politik wahlen

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