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«Nachgefragt»: Herr Schoch, würden Sie freiwillig 462.40 Franken für die Sender von SRF bezahlen?

Braucht es eine neue Sendung? Ist ein Format in die Jahre gekommen? Entsprechen die Digitalangebote den Bedürfnissen der Fernsehzuschauer? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Hansruedi Schoch, Leiter der Abteilung Programme bei SRF. Wir sprachen mit ihm über die «Generation Gratis», SRF-Apps und den Schweiz-Bezug des Programms.

Simon Huwiler: Herr Schoch, würden Sie freiwillig – ohne Billag - 462.40 Franken für die TV- und Radiosender von SRF bezahlen?
Hansruedi Schoch: Aus meiner Sicht sind die 462.40 Franken gut investiertes Geld. Denken Sie daran, was das Schweizer Publikum alleine bei SRF für diesen Betrag bekommt. Zum einen wären da täglich mehr als zwei Stunden tagesaktuelle Informationen – im Radio sogar noch mehr. Dazu Informationsmagazine wie der «Kassensturz», die «Rundschau» oder das «Echo der Zeit». Aber auch verschiedene Unterhaltungssendungen wie «Giacobbo/Müller» oder «Maloney» auf Radio SRF 3 sind darin enthalten. Gleichzeitig sind wir einer der wichtigsten Kulturförderer des Landes und unterstützen das heimische Filmschaffen, Musik und Literatur.

Wir machen aber auch Programme für Sparteninteressierte. Kein kommerzieller Sender würde es sich leisten, zur wichtigsten Sendezeit am Abend ein Kulturmagazin oder eine unabhängige Wirtschaftssendungen ins Programm zu nehmen. Selbstverständlich gefällt bei weitem nicht allen alles, aber fast alle finden bei uns etwas, das sie nutzen und schätzen.

Aber für deutlich weniger Geld kriegen Sie, je nach Anbieter, zwischen 135 und 230 Sender, beim SRF hingegen gerade mal drei deutschsprachige TV-Sender.
Damit meinen Sie wohl die Abokosten der Netzbetreiber wie Swisscom TV oder Cablecom. Das sind die reinen technischen Verteilkosten. Mit diesem Geld werden in der Regel kaum Inhalte produziert.

Und bei der SRG?

Mit ihrem Gebührenanteil finanziert die SRG sieben Fernseh- sowie 17 Radiosender in vier Sprachen, das zugehörige Onlineangebot sowie einen Dienst für Auslandschweizer. Wären wir ein einsprachiges Land mit Programmen nur in Deutsch, würde eine Gebühr von 270 Franken reichen. Bei den drei TV- und sechs Radiostationen von SRF sprechen wir konkret von Sendungen wie der «Tagesschau», eigenproduzierten Fernsehfilmen, grossen Samstagabendshows, Sportübertragungen, usw. Und das alles mit einem starken Schweiz-Bezug.

Wo liegt denn der Schweiz-Bezug, beispielsweise beim Sport?
SRF überträgt nicht nur die grossen Fussballevents, welche ohne Gebühren wohl unweigerlich im Pay-TV landen würden. Vielmehr haben wir zahlreiche Sportarten im Programm, in denen Schweizer an der Weltspitze dabei sind. Skispringen mit Simon Ammann, Kunstturnen mit Giulia Steingruber oder viele Jahre lang OL mit Simone Niggli-Luder. Kein Privater und kein Pay-TV würden diese Sportarten ins Programm aufnehmen, auch nicht mit Schweizern an der Weltspitze. Warum? Weil sie sich schlicht nicht über Werbung refinanzieren lassen.

Es scheint aber, dass die «Generation Gratis» gar kein Interesse hat, für Informationen oder Unterhaltung zu bezahlen – es gibt ja fast alles kostenlos!
Die Jungen haben sehr wohl ein Budget für die Mediennutzung: Sie bezahlen die Kosten fürs Smartphone, allenfalls Abos für Streamingdienste, etc. Allerdings haben sie einen anderen Anspruch als frühere Generationen: Sie wollen alles jederzeit und überall konsumieren können. Gleichzeitig investieren sie ihre Zeit nur in die für sie wirklich relevanten Inhalte. Deshalb ist es wichtig, dass auch unsere Angebote jederzeit und überall verfügbar und auch für Junge inhaltlich relevant sind. Die Informationssendungen beispielsweise werden auch von vielen Jungen genutzt, sei es live, zeitversetzt oder online.

Mit Angeboten wie der SRF 3-App hätten sie das Radio jederzeit und überall mit dabei – trotzdem ist kaum eine SRF-App in den Top 100 der App Stores zu finden. Wieso nicht?
Radio SRF 3 hat täglich auf dem klassischen Weg rund 1.3 Millionen Hörerinnen und Hörer. Das ist die Hauptnutzung, die App ist reine Zusatznutzung. Unsere Apps sind im Markt hervorragend etabliert. 2014 wurde im Schnitt alle 20 Sekunden eine unserer Apps heruntergeladen. Und die Apps liegen bei den Usern nicht einfach nur unbenutzt auf dem Smartphone, sie werden auch rege verwendet. Nehmen wir als Beispiel die Play SRF App für iOS, also die App, mit der sie auf das Audio- und Videoarchiv von SRF zugreifen können. Die Visits haben sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Waren es im ersten Quartal 2014 noch gut 400‘000 Visits im Monat, sind es heute, Anfang 2015, schon gut 900‘000.

Hansruedi Schoch (49), ist ehemaliger Chefredaktor des damaligen Schweizer Fernsehens und seit Anfang 2011 Abteilungsleiter Programme bei SRF. Mit seinem Team verantwortet er das Gesamtangebot des Schweizer Radio und Fernsehen im TV, Radio sowie Online. Die Abteilung stellt insbesondere sicher, dass die Angebote zielgruppengerecht, gemäss Service-public-Auftrag ausgerichtet und nach Möglichkeit vektorübergreifend ausgestaltet sind.

Interview & Text: Simon Huwiler (Das Interview wurde schriftlich geführt.)
Bild: Hansruedi Schoch an der SRG-Frühjahrestagung / Thomas Züger

Bild Autor*in Autor Simon Huwiler
Simon Huwiler (29) studierte Journalismus und Organisationskommunikation an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Heute macht er «Öpis mit Medie» und blickt für SRG Insider hinter die Kulissen von SRF.
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Simon Huwiler
Tags: generationgratis nachgefragt

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