Meinungen

Zoom auf das Wesentliche

Die heutige Informationsflut ist Segen und Fluch zugleich. Wer die Wahl hat, hat eben auch die Qual. Wie aber damit umgehen? Und welche Rolle spielt der Service public dabei? Ein Kommentar von Stefanie Jäger.

Wer kennt sie nicht, die Fernsehgebühren. Wir finanzieren unseren Service public, ob wir ihn nutzen oder nicht. Jeden Monat fliesst ein Teil unseres Einkommens in die Aufrechterhaltung eines Medienprogramms, das einem gesetzlich verankerten Auftrag folgt. Die SRG stellt die Versorgung der Bevölkerung mit Radio-­ und Fernsehprogrammen sicher, heisst es in der Bundesverfassung. Die Medienkanäle sollen zur Bildung, zur kulturellen Entfaltung, zur freien Meinungsbildung und zur Unterhaltung beitragen. Sachgerechte Informationen und vielfältige Ansichten werden gefordert. Und eine Berücksichtigung der Schweizer Besonderheiten und der Bedürfnisse der Kantone. Passt das ins heutige Zeitalter?

«Wir Jungen sind ‹gratis› gewöhnt»

Wenn ich mich informieren will, finde ich im Internet haufenweise Material. Ich habe die Wahl. Alles ist kostenlos. Und sogar Interaktionen sind möglich. Dazu gibt es ein riesiges Angebot an Fernsehsendern und Radiostationen. Ihre Programme kann ich ebenfalls gratis konsumieren. Klar, ältere Menschen kennen sich im Internet nicht aus. Sie haben einen Grossteil ihres Lebens vor dem enormen technischen Fortschritt verbracht, der die Welt vernetzte und Informationen kostenlos und «on demand» verfügbar machte. Doch wir Jungen sind «gratis» gewöhnt. Für Informationen zu bezahlen kommt uns steinzeitlich vor. Wozu sollten wir noch Fernsehgebühren entrichten?

«Wer die Wahl hat, hat eben auch die Qual»

Sind wir ehrlich, ist die heutige Informationsflut für uns Segen und Fluch zugleich. Wer die Wahl hat, hat eben auch die Qual. Zwar finde ich online unzählige Informationen, aber kann ich immer beurteilen, welche qualitativ hochwertig sind? Woher weiss ich, dass hinter Darstellungen nicht politische oder wirtschaftliche Interessen stecken? Schliesslich kann jeder individuell posten, Einträgen sind kaum Grenzen gesetzt. Und was ist wichtig? Schnell verliert man sich in den Weben des weltweiten Netzes.

Das Informationsangebot ist heute so gross, dass es schwierig ist, den Überblick zu wahren. Was wir also brauchen, sind Medien, die neutral und sachlich die bedeutendsten Informationen bündeln. Eine Filterinstanz, die uns eine Informationsselektion offeriert und dafür sorgt, dass sämtliche Seiten eines Themas beleuchtet, alle Positionen gleichmässig dargestellt werden. Je mehr Informationen es gibt, desto wichtiger ist es, den richtigen Filter zu verwenden. Je leichter verzerrte Darstellungen verbreitet werden können, desto zentraler sind unabhängige Medien. Und genau dies ist die Aufgabe des Service public. Denn durch die finanzielle Unterstützung kann die Unabhängigkeit von politischen und wirtschaftlichen Meinungen garantiert werden. Fernsehgebühren möchten wir Jungen für eine qualitativ hochwertige Informationsgrundversorgung bezahlen – denn Unterhaltung in allen Variationen bekommen wir «on demand» in der riesigen kostenfreien Medienlandschaft.

«Wohin unfreie Medien führen, sehen wir tagtäglich»

Abschaffen möchten auch wir den Service public nicht. Unabhängige Medien sind ein Grundinstrument einer funktionierenden Demokratie. Nur durch eine neutrale Informationsberichterstattung ist die freie Meinungsbildung möglich. Auch wenn der Service public heute oft wenig geschätzt und die Fernsehgebühren als überflüssige Kosten abgestempelt werden, kennen wir doch den hohen Stellenwert, den die Errungenschaft eigentlich hat. Wohin unfreie Medien führen, sehen wir in anderen Teilen der Erde auch heute noch tagtäglich. Obwohl wir sie nicht abonniert haben, bezahlen wir die Informationsdienstleistung daher gerne. Auch Feuerwehr, Polizei und Stadtverwaltung finanzieren wir über unsere Abgaben, obwohl wir diese Services nicht explizit bestellt haben. Das Funktionieren solcher Dienstleistungen macht einen modernen, demokratischen Staat aus – und liegt im Interesse uns aller. Dass wir uns gemeinsam an der Finanzierung beteiligen, sollte deshalb Ehrensache sein.

Was uns helfen würde, dies so zu sehen, ist der Zoom des Service public auf das Wesentliche: die Informationsbündelung und –vermittlung. Ein riesiges Unterhaltungsprogramm der gebührenfinanzierten Medien ist dagegen weder notwendig noch sinnvoll: Zu unterschiedlich sind die Vorlieben der vielen Bevölkerungsgruppen. Die zukunftsträchtige Entwicklung heisst somit: Entschlackung.


Hintergrund: Auf der Suche nach jungen Schreibtalenten hat SRG Insider anfangs Mai einen Schreibwettbewerb lanciert. Zur Auswahl standen drei Themen rund um den Service public. Wer gewinnt, hat eine fünfköpfige Jury entschieden, bestehend aus Sylvia Egli von Matt (ehemalige MAZ-Direktorin), Vinzenz Wyss (Journalistik-Professor an der ZHAW), Elia Blülle (Präsident von Junge Journalisten Schweiz), Pernille Budtz (Redaktionsleiterin LINK) und Jasmin Rippstein (Projektleiterin SRG Insider).

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Text: Stefanie Jäger
Bild: © Jan Lienemann

Tags: gebuehren generationgratis schreibwettbewerb

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