Meinungen

Des Königs Vöglein

Wie muss Journalismus aussehen, für den auch Studierende bereit sind, zu zahlen? Ein Vorschlag von Selina Berner.

«Was soll aus dem Journalismus werden, wenn nicht einmal mehr Journalismus-Studenten bereit sind, für eine Zeitung zu bezahlen?!», wetterte ein Dozent in meiner Schule. Der gewünschte Effekt des brüllenden Löwen blieb jedoch aus. Die meisten steckten ihre Köpfe wieder in ihre Smartphones, ohne ein schlechtes Gewissen. Dasselbe Bild beim Fernsehen: Viele «streamen» sich die Sendungen einfach und schnell auf ihre Laptops und das – heute noch –, ohne Billag-Gebühren zu bezahlen. Da stellt sich zwangsläufig die Frage:

Haben Nachrichten überhaupt noch einen finanziellen Wert in unserer Gesellschaft?

Mitnichten. Für reine News bin ich im 21. Jahrhundert wirklich nicht mehr bereit zu bezahlen. Ich sehe diesen Satz jetzt nicht als den Todesspeer, der den armen, hilflosen Journalismus trifft und irgendwo qualvoll verbluten lässt. Im Gegenteil: Das ist doch DIE Chance zur Auferstehung dieses kreativen Metiers. Zuerst muss aber ein grundsätzliches Problem des heutigen Qualitätsjournalismus gelöst werden: seine Schockstarre. Ich weiss, die Gratis-Konkurrenz hat scheinbar den ganzen Raum eingenommen und viele Rezipienten gleich auch noch miteingepackt. Das tut weh, zugegeben. Doch anstatt sich von dieser Starre zu lösen und sich auf seine offensichtlichen Kernkompetenzen zu konzentrieren (Qualität, Originalität und Kreativität), wird versucht, mit der Geschwindigkeit und Quantität von Gratisprodukten mitzuhalten. Was passiert? Der Schuss geht nach hinten los und der Sparmassnahmen-Rammbock schlägt die Tür diverser Medienunternehmen brutal ein. Jene Journalisten, die das ganze Spektakel überlebt haben, sitzen resigniert und völlig ausgelaugt in den einst so kreativen Medienstühlen neben verstaubten Plastikpflanzen. Stille. Qualität, Originalität und Kreativität sind unauffindbar.

Es war einmal ein Vöglein, das luftig-leicht und fröhlich zwitschernd in der Welt umherflog. Am Abend legte es sich auf einen gemütlichen Ast und träumte munter vor sich hin. Morgens kam ein König daher, der die luftig-leichte und fröhliche Art des Vögleins unterhaltsamer fand für den Hof, als seinen derzeitigen Narren. Er liess das Vöglein einfangen und in einen goldenen Käfig sperren. Nach zwei Tagen schaute der König nach ihm und wunderte sich, warum von der luftig-leichten und fröhlichen Art nur noch ein paar Federn übrig waren.

So ticken viele Medienunternehmen in der derzeitigen Krise. Gesucht werden kreative Köpfe bzw. Vöglein, die dem menschenleeren Hof wieder Leben einhauchen sollen, aber die nötigen Freiheiten erhalten sie dafür nicht. Die aufgestellten Normen sind so einengend, dass sie früher oder später zum kreativen Tod vieler Vöglein führen. Ich bin mir sicher, dass die Leute für originellen und qualitativ hochstehenden Journalismus bezahlen, auch im Internetzeitalter. Um das zu erreichen, müssen wir uns jedoch von den einschränkenden Normen lösen, in jedem Medium. Warum nicht einmal einen «Arena»-Zuschauer nach seiner Meinung fragen? Oder dem Praktikanten den Front-Kommentar zum letzten Abstimmungsdebakel überlassen? Oder im Radio auch mal sagen, dass man heute schlechte Laune hat? Spontan sowie überraschend und ja sogar ein bisschen frech (!) zu sein, schliesst Professionalität nicht aus. Deshalb mein Vorschlag: Beweisen wir Mut und lassen den luftig-leichten, fröhlich zwitschernden Vöglein Raum für kreatives Herumfliegen. Das Ergebnis wird sich sehen lassen können und dafür werde bestimmt nicht nur ich gerne bezahlen.


Hintergrund: Auf der Suche nach jungen Schreibtalenten hat SRG Insider anfangs Mai einen Schreibwettbewerb lanciert. Zur Auswahl standen drei Themen rund um den Service public. Wer gewinnt, hat eine fünfköpfige Jury entschieden, bestehend aus Sylvia Egli von Matt (ehemalige MAZ-Direktorin), Vinzenz Wyss (Journalistik-Professor an der ZHAW), Elia Blülle (Präsident von Junge Journalisten Schweiz), Pernille Budtz (Redaktionsleiterin LINK) und Jasmin Rippstein (Projektleiterin SRG Insider).

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Text: Selina Berner
Bild: zVg.

Tags: gebuehren generationgratis schreibwettbewerb

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