Meinungen

«Damit hätte ich ein Problem»

Ein Billag-Preller nennt Beweggründe. Ein Interview von Lucien Rahm.

Johnny B. (Name geändert) ist Student und seit dem Auszug aus der elterlichen Wohnung Schwarzseher – zusammen mit drei Mittätern, die mit ihm eine Wohngemeinschaft in Bern-Belp bilden. Wie schaffen er und seine WG es, reinen Gewissens Service Public zu konsumieren, ohne sich an den entsprechenden Herstellungskosten zu beteiligen? Ein Gespräch gibt Aufschluss.

Johnny B., du bist seit einigen Monaten SRG-Schwarzschauer und -hörer. Warst du schon immer kriminell?

Nein, das jetzt nicht unbedingt. Sicher, ich habe meinen Kollegen auch schon einmal ein bisschen Hanf angedreht, habe damals mein Töffli zur Rennmaschine hochfrisiert und gewiss auch schon den einen oder anderen Artikel an der Migros-Kasse nicht verrechnen lassen. Aber ansonsten bin ich ein durchaus anständiger, gesetzestreuer Bursche. Man will sich ja sein Jusdiplom nicht schon vor Erhalt zur Makulatur machen.

Und dennoch hältst du es nicht für nötig, Billag-Gebühren zu bezahlen?

Du, als Student muss man sich seine Mittel halt eben etwas einteilen. Die Hektoliter Bier im Ausgang bezahlen sich schliesslich auch nicht von alleine. Und zudem: Ich nutze das SRG-Angebot jetzt nicht im Übermass. Sicherlich schaue ich mir hin und wieder die Tagesschau an – vor allem dann, wenn wieder eine der attraktiven Moderatorinnen am Werk ist. Das wäre mir eigentlich schon fast einen Hunderter Billag[-Gebühren] wert. Aber eben, ansonsten nutze ich die SRG-Angebote eher selten. Ich schaue zum Beispiel nie das «Wort zum Sonntag» und da bin ich sehr konsequent! Auch «Glanz & Gloria» ist eher weniger mein Ding, weshalb ich reflexartig wegzappe, sollte ich einmal aus Versehen auf diesen Promischwachsinn stossen. Wobei hier ja der Begriff «Promi» schon fast etwas anmassend ist, in den allermeisten Fällen. Und dann laden sie häufig einfach Moderatoren aus anderen SRF-Sendungen ein, um diese dem zahlenden Zuschauer als «Stars» zu verkaufen. Ich meine, da hätte ich jetzt schon mal ein Problem damit, wenn ich Gebühren zahlen würde.

Ich verstehe deine Kritik, aber Gebührenzahler sind halt auch jene Leute, die sich so etwas vielleicht gerne anschauen. Das Programm soll ja für alle Zahlenden irgendwo etwas zu bieten haben, findest du nicht?

Nein, eher nicht. Ich finde, es liegt an mir zu entscheiden, für was ich bezahlen möchte und für was nicht. Sogenannte Promimagazine finanziere ich schon aus moralischen Überlegungen heraus nicht mit.

Welche anderen SRG-Angebote konsumierst du noch?

Früher schaute ich mir immer sehr gerne «Viktors Spätprogramm» an, weil ich da einfach oft drüber lachen konnte. Sehr geil fand ich auch «Rätpäck», oder natürlich «Ventil». Das fand ich wirklich witzig, innovativ, originell. Wenn ich mir heutzutage ein humorvolles Programm anschauen möchte, kommt mir erst ganz zum Schluss – wenn überhaupt – die Idee, es mit einer SRF-Sendung zu versuchen. Ich finde es absolut schade, dass einem heute so ein pseudo-lustiges Flachprogramm geboten wird, das in keiner Weise an die damaligen Angebote anschliessen kann. Denselben Viktor Giacobbo, den ich früher mal sehr unterhaltsam fand, finde ich heute dramatisch langweilig und vor allem unlustig. Ich weiss nicht, ob es an den Autoren liegt, oder was da genau das Problem ist. Und sonst gibt's im SRF jetzt nichts, worüber ich wirklich lachen, oder zumindest schmunzeln könnte.

Vielleicht wurde das Comedy-Angebot im Sinne des Service Public ein wenig popularisiert, damit mehr Gebührenzahlende etwas davon haben, indem die «Masse» mehr angesprochen wird?

Fände ich zwar legitim, aber umso weniger bin ich dadurch bereit, mich an den Kosten dafür zu beteiligen.

Befürchtest du denn nicht, dein Verhalten könnte Konsequenzen haben? Einen Fernseher habt ihr hier [in eurer Wohnung] ja offensichtlich, breiter geht es wohl kaum. Über einen Internetzugang verfügt ihr natürlich auch. Somit verstosst ihr eigentlich gegen das Gesetz, was gerade dir als Jurastudent auffallen müsste.

Auffallen tut mir das sehr wohl, aber wie gesagt: Solange mir das SRF-Angebot nicht ausreichend zusagt, bin ich nicht bereit, dafür die geforderten 460 Franken zu bezahlen. Möglicherweise wäre ich dabei, wenn man für einzelne Sendungen bezahlen könnte, aber so weit ist man da wohl noch länger nicht.

Aber Johnny, hast du denn keine Angst, dass eines Nachts plötzlich Roger de Weck auftauchen könnte, um euer Fehlverhalten zu ahnden, indem er in einer philosophischen Grundsatzdiskussion mehrere Stunden lang mit euch darüber debattiert?

Eh, wo kann man sich nochmal für die Billag anmelden?


Hintergrund: Auf der Suche nach jungen Schreibtalenten hat SRG Insider anfangs Mai einen Schreibwettbewerb lanciert. Zur Auswahl standen drei Themen rund um den Service public. Wer gewinnt, hat eine fünfköpfige Jury entschieden, bestehend aus Sylvia Egli von Matt (ehemalige MAZ-Direktorin), Vinzenz Wyss (Journalistik-Professor an der ZHAW), Elia Blülle (Präsident von Junge Journalisten Schweiz), Pernille Budtz (Redaktionsleiterin LINK) und Jasmin Rippstein (Projektleiterin SRG Insider).

» Alle Beiträge

Interview: Lucien Rahm
Bild: © M. Rahm

Tags: gebuehren generationgratis schreibwettbewerb servicepublic

Kommentare

Lade Kommentare...
Noch keine Kommentare vorhanden

Kommentar hinzufügen

Leider konnte dein Kommentar nicht verarbeitet werden. Bitte versuche es später nochmals.

Danke für deinen Kommentar. Dein Kommentar wird moderiert und erscheint hier, sobald er freigeben wird.
Bei Freischaltung erhälst du ein Email auf {author_email}.