Meinungen

«Ironie hat auch bei SRF seine Berechtigung»

Beanstandungen beim Ombudsmann oder kritische Stimmen aus dem Publikumsrat zu Unterhaltungsformaten von SRF sind oft ein gefundenes Fressen für den Schweizer Blätterwald. Passen trashige Formate wirklich nicht zum Auftrag der SRG? Matthias Künzler, Medienforscher im Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IPMZ), nimmt Stellung.

Sinkt das Niveau bei den gebührenfinanzierten Sendern im deutschsprachigen Raum? Gibt es Ihrer Ansicht nach eine Tendenz hin zum ‚Trash‘ auch bei Schweizer Radio und Fernsehen SRF?
Matthias Künzler: Das kann ich in dieser überspitzten Formulierung nicht unterschreiben. Die Aussage, dass «das Niveau sinkt», wird der Komplexität der Entwicklung der letzten Jahre nicht gerecht. SRF darf gerne auch mit neuen Formaten experimentieren und Sendungen bringen, die sich selber nicht allzu ernst nehmen. Ironie hat auch bei SRF seine Berechtigung. Aber: SRF steht als gebührenfinanzierter Sender natürlich unter verschärfter Beobachtung der Öffentlichkeit. Es ist auch nicht neu, dass SRF mit Sendeformaten experimentiert und kontroverse Formate einführt. Ich denke beispielsweise an «Ventil» mit Frank Baumann in den 90er Jahren, die damals sehr kontrovers war. Oder auch an die Anfänge von Viktor Giacobbo – auch wenn dieser mittlerweile zahmer wurde.

In welchen Bereichen sollte sich Ihrer Meinung nach ein gebührenfinanzierter Sender von einem privaten absetzen?
Ich glaube, zentral ist die Frage: Wie geht man mit den Leuten um? Das ist eine medien-ethische Frage. Auch öffentliche Sender dürfen sich in Reality-TV und Casting-Formaten versuchen. Die BBC war bei Reality-TV sogar wegweisend, erst die Privaten haben dieses Format dann in Richtung Voyeurismus weiterentwickelt.

Worauf sollten die Sender bei solchen Formaten achten?
Sehr wichtig finde ich zum einen die angemessene Begleitung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer solcher Formate. Die Teilnahme an einer solchen Sendung kann für die Betroffenen verschiedene, unbeabsichtigte Folgen haben. Zudem ist plötzliche Bekanntheit nicht immer einfach. Man sollte ihnen bewusst machen, auf was sie sich einlassen und welche mögliche Folgen eine Fernsehbekanntheit fürs private und berufliche Leben haben kann.

Wie werden negative Folgen einer Teilnahme an einem solchen Format verhindert?
Wichtig ist es, die Teilnehmer vor und nach der Sendung angemessen zu betreuen. Zum andern sollten sich die Programmschaffenden im Voraus bewusst machen, wo für sie die ethischen Grenzen liegen. Dies kann beispielsweise bedeuten, nicht alle emotionalen Ausbrüche zu zeigen. Oder die Teilnehmenden nicht in künstlich erzeugten Situationen bewusst gegeneinander aufzuhetzen oder durch Schnitttechniken Ereignisse aus dem Zusammenhang zu reissen. Anders gesagt: Die Teilnehmenden sollten nicht ein reines Mittel zum Zweck sein, man darf sie nicht vorführen.

Passen denn «Reality-TV» und Castingshows in den Auftrag der SRG?
Ich sehe da im Prinzip kein Problem, solange die bereits genannten Bedingungen erfüllt sind. Reality-TV in einem öffentlichen Fernsehsender kann durchaus auch dem Bildungsauftrag dienlich sein, beispielweise in der Veranschaulichung von gesellschaftlichen Fragen, solange die Teilnehmer nicht vorgeführt werden. Ähnliche Grundsätze gelten bei Castingshows, deren Ziel es sein kann, Nachwuchstalente oder die Musikszene zu fördern. Die Teilnehmenden dürfen in der Show aber nicht lächerlich gemacht werden. Auch dürfen sie nicht als Laienschauspieler missbraucht werden, die ungewollt zum Beispiel Beziehungsprobleme darstellen.

Hintergrund: Der Publikumsrat hat an seiner August-Sitzung die von Beat Schlatter entwickelte und von Fabian Unteregger moderierte Comedy-Rateshow «Metzgete» beobachtet. Die Sendung sei zwar im Ansatz innovativ – speziell durch die Verbindung aus Comedy und Ratespiel und deren skurril-trashige Inszenierung – hinterfragt wurden aber die Rolle von Zoe Scarlett und die Äusserungen über Prominente, die nicht selten vom «Satirisch-Frechen» ins «Respektlos-Abschätzige kippen», so das Fazit des Publikumsrats (Zur Medienmitteilung). SRG Insider nahm dies zum Anlass, bei Medienforscher Matthias Künzler nachzuhaken.

Interview: SRG.D/Oliver Fuchs
Bild vorne: «Metzgete»-Moderator Fabian Unteregger und Bunny (Zoe Scarlett) (SRF/Paolo Foschini)
Bild Detailseite: Medienforscher Matthias Künzler (Archivbild/Screenshot SRF)

Tags: publikumsrat trash

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