Behind the Scenes

tpc- und SRF-Mitarbeitende auf den Spuren der Gangs Zentralamerikas

tpc Video Editor Christian Wyss und SRF-Journalistin Franziska Engelhardt realisierten privat einen Dokumentarfilm. Dafür wagten sie sich in Zentralamerika an eine der brutalsten Jugendgangs heran.

Auge in Auge mit 92 Mördern in einer Zelle. Neun schwerbewaffnete Polizisten als Rückversicherung, um aus dem Auto steigen und drehen zu können. Für seinen privat realisierten Dokumentarfilm «Piel marcada» bewegte sich tpc Video Editor Christian Wyss zusammen mit SRF-Journalistin Franziska Engelhardt in Zentralamerika inmitten einer der härtesten Jugendgangs der Welt - die Maras.

Diese terrorisieren in der Region mit der weltweit höchsten Mordrate ganze Landstriche. Sie sind tätowiert – einige im ganzen Gesicht – erpressen Schutzgelder und handeln mit Drogen und Waffen. Rivalisierende Gangmitglieder bringen sich gegenseitig um. Auch einfache Bewohner, die ihre Regeln nicht einhalten, werden getötet. «Ich wollte zeigen, warum Jugendliche so gewalttätig werden», sagt Wyss. Dafür begleiteten er und Franziska Engelhardt Polizei-Patrouillen, besuchten die Opfer – und die Täter.

Im Interview mit Christian Wyss erfährst du mehr über die Hintergründe des Films:

Den Mara-Dokumentarfilmer Christian Poveda («La vida loca», 2008) töteten die Maras 2009 in El Salvador mit vier Schüssen ins Gesicht. Hielt dich das nicht ab?
Christian Wyss: Natürlich muss man aufpassen und sich absichern. Doch solche Situationen sind für mich nichts Neues. Ich war beruflich oft in gefährlichen Ländern wie Kolumbien, Nordkorea, Tschetschenien und dem Kongo. Und klar hat man mich gewarnt: Die bringen dich um. Meine Motivation ist, die Welt zu zeigen, wie sie ist. Und zu Christian Poveda: Er hat für seinen Dokumentarfilm über die Maras drei Jahre vor Ort gelebt und war deshalb natürlich auch exponiert. Und irgendwann weiss man eventuell auch zu viel. Korrupte Polizisten, Gefängnisse, aus denen die Maras weiterhin Erpressungen und Mordaufträge planen, zeigen, dass das Verbrechen schon längst Dimensionen hat, die bis in die Regierungs-spitzen reichen.

Wie lange wart ihr vor Ort?
Ich war 2011 für einen Monat in Los Angeles, El Salvador und Honduras. Mit Franziska Engelhardt bin ich für den Film 2012 nochmals für einen Monat durch El Salvador und Guatemala gereist.

Wie kommt man mit den Maras in Kontakt?
Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 2011 konnte ich die Polizei in Los Angeles bei der Erstürmung eines Hauses filmen, in dem sich eine Gang verschanzt hatte. Als ich danach einem Polizisten erzählte, dass ich nach El Salvador wolle, sagte er mir, er habe dort Polizisten ausgebildet und käme mit. So konnte ich in El Salvador im Schutz von neun schwerbewaffneten Polizisten in den Elendsvierteln filmen. Ein Jahr später konnten Franziska und ich dank dieser Kontakte geheim einen inhaftierten Mara treffen. Der hat 18 Morde auf dem Konto, arbeitet jetzt mit der Polizei zusammen und erhofft sich davon Straffreiheit – nach 18 Morden, das muss man sich vorstellen. Inzwischen lebt der wahrscheinlich gar nicht mehr. Zusätzlich hatte Franziska durch ihre längeren Aufenthalte in Zentralamerika wichtige Kontakte zu Journalisten vor Ort, die selbst Experten auf dem Gebiet der Banden sind und uns weitere Schlüsselpersonen vermitteln konnten.

Was war die brenzligste Situation?
Das war in Honduras, als die Zellentür hinter mir zuging und ich mit vier Polizisten und 92 Mehrfach-Mördern in einem Raum war. Es wäre ein Leichtes für sie gewesen, uns umzubringen. Erst wollten sie nichts sagen. Doch ich konnte ihnen klarmachen, dass hier wohl so schnell keiner mehr kommt, dem sie ihre Geschichte erzählen können. Und die Chance nutzten sie. Ich durfte sie einfach nicht zeigen, nicht einmal ihre Tattoos, denn daran kann man sie erkennen. Grabsteine auf dem Rücken oder Tränen im Gesicht zeigen, wie viele Menschen sie ermordet haben. Ich habe aber auch Gefängnisse gesehen, in die wäre ich nie rein. Da hört man die Maras von weitem schreien: Wir bringen euch alle um!

Was ging dir am meisten unter die Haut?
Dass man so brutal sein kann. Dass Zwölfjährige Menschen erschiessen, oder dass ein weibliches Mara-Mitglied einmal in einem Koffer einen abgetrennten Kopf transportieren musste, wie sie uns im Interview erzählte. Dass Hass und Hoffnungslosigkeit unendlich gross sind. Dass die Gangs zum Familienersatz werden und alle Jugendlichen dazugehören wollen, weil viele Familien in den Armenvierteln wegen Arbeitslosigkeit und Armut auseinanderfallen.

Ihr tönt in eurem Film aber auch Hoffnung an.
Seit einem Waffenstillstand der verfeindeten Mara-Banden sank die Zahl der Ermordeten schlagartig: von 14 auf noch fünf pro Tag. Gleichzeitig wird aber davon gesprochen, dass mehr Leute verschwinden. Die Situation ist da nicht ganz klar. Immerhin sind Gespräche im Gang, wie die miserable Situation in den Gefängnissen verbessert oder wie die Kriminellen rehabilitiert werden könnten. Die Hoffnung ist, dass das Morden irgendwann ein Ende hat und die einfachen Menschen in dieser Region wieder normal ohne Angst leben können.

Das lateinamerikanische Filmfestival «Pantalla Latina» in St. Gallen zeigt den entstandenen 73-minütigen Dokumentarfilm «Die Gewalt unter der Haut – Auf den Spuren der Gangs Zentralamerikas» in der spanischen Originalversion mit deutschen Untertiteln am Sonntag, 24. November 2013 um 15.30 Uhr.

Text und Interview: tpc switzerland ag/Ann-Kathrin Frick
Bilder (im Uhrzeigersinn, von oben links beginnend): Titelbild der Reportage; SRF-Journalistin Franziska Engelhardt auf Reportage; Blick ins Gefängnis; tpc-Video Editor Christian Wyss bei den Dreharbeiten im Gefängis (tpc switzerland ag/Christian Wyss)

Tags: jugendgang reportage tpc zentralamerika

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