Behind the Scenes

«Die Schweizer»: Debatte um die fehlenden Frauen

«Die Schweizer», der gesamtschweizerische Themenschwerpunkt der SRG, hat bereits Wochen vor dessen Start eine hitzige Debatte ausgelöst. Grund dafür: In den vier historischen Dokudramas, welche die Geschichte der Schweiz anhand des Lebens von sechs historischen Figuren zeigen, fehlen die Frauen. Hier findest du die wichtigsten Fragen und Antworten zur Debatte:

Wie kam es zu dieser Debatte?

Die frühere CVP-Nationalrätin und Nationalratspräsidentin Judith Stamm machte ihrem Ärger über die fehlenden Frauen in einer Kolumne Luft. Journalist Christoph Moser von «Schweiz am Sonntag» entdeckte diese und kontaktierte daraufhin verschiedene Schweizer Politikerinnen. So erfuhr er, dass sich vorgängig bereits Nationalrätin Yvonne Feri, zusammen mit 30 weiteren Parlamentarierinnen und Parlamentariern schriftlich über die Auswahl der Hauptfiguren beschwert hat.

Seit der Veröffentlichung von Mosers Bericht wurde das Thema von verschiedenen Zeitungen aufgegriffen. Die meisten Kolumnistinnen und Kolumnisten teilen die kritische Reaktion. Es gibt aber auch Gegenstimmen, die die Aufregung für übertrieben halten. Auch auf Twitter wird mittlerweile rege debattiert.

Was genau wird kritisiert?

Im Wesentlichen werden zwei Aspekte kritisiert: Erstens sei es heute nicht mehr zeitgemäss, ausschliesslich Männer zu porträtieren. Auch Frauen hätten eine sehr wichtige Rolle in der Entstehung der heutigen Schweiz gehabt. Nur seien diese früher halt viel weniger sichtbar gewesen – auch, weil sie von der Politik und dem gesellschaftlichen Leben weitgehend ausgeschlossen waren.

Genau daher solle man nun ihre Rollen und Beiträge thematisieren: Einerseits jene hinter den Kulissen, andererseits seien aber gerade auch jene, die in der männerdominierten Welt aktiv mitgemischt hätten, interessant. Zweitens finden es viele überholt, anhand von einzelnen berühmten Figuren Geschichte vermitteln zu wollen. Besser hätte man sich auf bedeutende Momente oder das Leben einfacher Leute zu verschiedenen Zeiten konzentriert.

Wie wurden die sechs Persönlichkeiten ausgewählt?

Mariano Tschuor, Projektleiter des SRG-Themenschwerpunkts, erklärt im Interview mit persoenlich.com die Auswahl folgendermassen: «2009, als die Idee der Aufarbeitung der Schweizer Geschichte aufkam, diskutierten wir über die Herangehensweise und über die Wahl der Epochen. Aus der Diskussion mit mehreren internen und externen Expertinnen und Experten resultierte anschliessend eine Themenliste – die Figuren wurden erst in einem zweiten Schritt besprochen und festgelegt.» Da in den ausgewählten Epochen schlichtwegs keine Frau im Vordergrund gestanden sei, habe man sich auf Männer beschränken müssen.»

Im Fokus seien Wendepunkte in der Geschichte der Schweiz gestanden: die Gründung der Eidgenossenschaft im 14. und 15. Jahrhundert und des modernen Bundesstaats im 19. Jahrhundert: Es sei aber dennoch wichtig gewesen, diese Wendepunkte personifizieren zu können. «Denn wir machen ja Fernsehen», so Tschuor weiter. Hätte man zudem Frauen im Hintergrund dargestellt – beispielsweise bei Kindern und am Herd –, wäre fraglich gewesen, ob man nicht auch kritisiert worden wäre, gibt er zu bedenken.

Wie steht die SRG zur Kritik?

Von der Kritik sei das Konzeptionsteam nicht überrascht worden: «Wir haben bis zu einem gewissen Grad damit gerechnet», bemerkte der Projektleiter gegenüber persoenlich.com. Dass die frühere Bedeutung der Frauen nun zum heftig debattierten Thema wird, freue ihn. Für ihn sei aber auch klar: «Da wir ja Fernsehen machen, muss man die Geschichte so aufarbeiten, dass es ein breites Publikum nachvollziehen und verstehen kann.»

Gibt es denn wirklich keine Frauen, die man hätte porträtieren können?

Der Tagesanzeiger hat mittlerweile eine Liste von acht «Frauen mit filmreifen Leben» veröffentlicht. Tschuor dazu: «Das finde ich toll! Das ist eine super Ergänzung. Diese Diskussion zu führen und andere Akzente zu setzen, ist ja die Aufgabe der Medien.»

Nebst dieser Liste werden auf Twitter unter dem Hashtag #Schweizerinnen laufend neue Kandidatinnen vorgeschlagen. Ein Blick in die Voten lohnt sich: Von seriösen Vorschlägen wie Johanna Spyri, der Schöpferin von Heidi, bis zu Betty Bossi, deren Biographie man vor der Verfilmung erst noch erfinden müsste, ist alles dabei.

Einen ausführlichen Medienspiegel zur Debatte findest du hier.

Das vollständige persoenlich.com-Interview mit Mariano Tschuor kannst du hier nachlesen.

Hier kannst du dich an der #Schweizerinnen-Diskussion auf Twitter beteiligen.

Text: SRG Insider, Oliver Fuchs
Bild: SRF (Montage), Colourbox
Quellen: persoenlich.com, Schweiz am Sonntag

Tags: schweizer schweizerinnen srg themenschwerpunkt

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