Behind the Scenes

«Man kann sich nie hundertprozentig vorbereiten»

Jedes Jahr berichtet SRF 3-Moderatorin Rebecca Villiger von den verschiedenen Schweizer Festivals. Ein Job, der viel Durchhaltevermögen, Flexibilität und Spontanität erfordert. Wie bereitet sie sich auf diese Wochenenden vor? Was bedeutet es, ‹live-live› zu senden? Und wie sieht ihr typischer Festivaltag aus? SRG Insider hat sie einen Tag lang begleitet.

SRG Insider: Wie sieht deine Vorbereitung auf ein Festivalwochenende aus?
Rebecca Villiger: Meine Arbeit beginnt, sobald unser Produzent Tom Schmidt die Verträge mit den Bands beisammen hat und weiss, mit welchen wir Interviews führen werden. Ungefähr eine Woche vor dem Festival erhalten mein Moderationskollege Matthias Erb und ich von ihm den Interviewplan und teilen auf, wer welche Bands übernehmen wird.

Um mich auf die Interviews vorzubereiten, höre ich mir die Musik der Bands an, besuche ihre Websites, Facebook Pages und Twitter-Accounts. Zudem schaue ich mir auf YouTube die letzten Interviews mit ihnen an. Aus all diesen Informationen stelle ich mir für jede Band ein Sheet mit den Namen der einzelnen Bandmitglieder, dem Gründungsjahr, den Titeln der letzten Alben und den wichtigsten Stichworten zur Band zusammen. Zuletzt formuliere ich pro Interview sieben bis zehn Fragen.

Wann ist deine Vorbereitung abgeschlossen?
Man kann sich nie hundertprozentig auf Festival-Interviews vorbereiten. Oft ändert sich kurz vorher doch noch etwas oder es passiert etwas Aussergewöhnliches auf der Bühne. Das greife ich dann im Interview auf. Die Gespräche sind spontaner als sonst üblich und dauern in der Regel auch nur 10 bis 15 Minuten. An Festivals führt man weniger ‹Musik-Interviews›. Das heisst, man spricht gar nicht oder nur kurz über das neue Album und stellt stattdessen Fragen zum Festival: ob es ihnen gefällt, ob sie gerne auf Festivals spielen, oder wie die Stimmung Backstage ist. Es ist wichtig, die Stimmung zu integrieren. Ob es an einem Festival so heiss ist wie in diesem Jahr in Gampel oder wie in St.Gallen in Strömen regnet und eiskalt ist, hat natürlich auch Auswirkungen auf eine Band, was für ein Konzert sie spielen.

Ein gutes Beispiel dafür war mein Interview mit Skunk Anansie am Gampel 2011. Die Band spielte am Tag zuvor am Pukkelpop Festival in Belgien, das während ihrem Konzert von einem heftigen Sturm überrascht wurde, bei dem Äste von den Bäumen ins Publikum gepeitscht wurden, die Leute schreiend davonliefen, die Bühne in sich zusammenkrachte und fünf Personen sogar tödlich verletzt wurden. Nachdem lange unklar war, ob die Band überhaupt ans Openair Gampel kommt, sind sie dann doch wie geplant hergereist und zu mir in den Sendebus gekommen. Meine erste Frage an sie war «Wie geht es euch nach gestern?». Daraufhin haben sie erst einmal eine Viertelstunde lang von ihren Erlebnissen am vergangenen Abend erzählt. Das war auch für mich einer der aufregendsten Momente hier am Openair Gampel.

Wie sieht denn ein typischer Festivaltag aus?
14 Uhr: Wenn ich auf das Gelände komme, schaue ich zuerst, welche Interviews an diesem Tag anstehen und mache mir bereits ein paar Gedanken dazu, was ich in der Sendung am Abend bringen möchte.
16 Uhr: Als nächstes lege ich mit Matthias Erb und unserem Produzenten den Ablauf der Live-Sendung vom Abend, sprich den Sendeplan, fest. Wir schreiben die Begrüssung, danach kommt zum Beispiel ein Song. Dann müssen wir abmachen, wer ihn «abnimmt» und zum nächsten Tonbeitrag überleitet. Meistens übernimmt das derjenige, der auch das Interview mit der Band geführt hat. Im Laufe des Nachmittags führe ich dann Interviews mit den Bands, deren Konzerte wir aufzeichnen oder sogar live übertragen.
20 Uhr: Pünktlich ab 20 Uhr sind wir dann live vom Festivalareal aus dem Sendebus auf Sendung.
24 Uhr: Nach der Sendung nehmen wir einen Abschlussbeitrag für den nächsten Morgen auf, in dem wir den Festivaltag noch einmal zusammenfassen. Somit sind wir normalerweise nicht vor zwei Uhr fertig.
2 Uhr: Nach der Arbeit trinken wir manchmal noch etwas zusammen, bevor es dann ab ins Hotel geht.

Was ist für dich das Besondere an der Festival-Berichterstattung?
Wenn wir Konzerte übertragen, egal ob aus Clubs oder von Festivals, sind wir mit dem Sendebus direkt vor Ort. Wir führen die Interviews im Bus und senden dann auch live aus dem Bus. Am liebsten würde ich fast nur so arbeiten. Ich bin mitten in der Situation drin, sehe die Band und das Publikum, und alles entsteht spontan in diesem Moment. Aber natürlich gibt es auch stressige Situationen. Wenn wir beispielsweise nicht wissen, ob wir ein Konzert wirklich live übertragen dürfen und ob die Band sich überhaupt interviewen lässt. In so einem Fall ist oft bis zum letzten Moment unklar, ob alles wie geplant ablaufen wird, oder nicht. Das finde ich sehr spannend.

Unser Ziel ist es, möglichst alle Konzerte, die während der Sendedauer stattfinden, auch live zu übertragen. Wir nennen das ‹live live›, wenn die Musik direkt von der Bühne ins Land gesendet wird. Über die Bildschirme im Sendebus verfolgen wir während der Live-Sendung das Geschehen auf der Bühne. Gibt es Umbaupausen – auch wenn sie nur 30 Sekunden dauern, was für die Radiozuhörer extrem lange ist – schalten wir uns ein und kommentieren, was auf der Bühne geschieht, oder spielen unsere «SRF 3 Festivalsommer»-Jingles ein. Sieht man auf der Bühne Dinge, die man nicht hören kann, wie spezielle Kostüme, Bühnenbilder, oder eine besonders ausgefallene Show, ist es unsere Aufgabe, dies in den Song-Pausen zu beschreiben.

Was tust du, falls etwas Unvorhergesehenes passiert?
Dass bei einem Konzert etwas wirklich Unvorhergesehenes geschieht, zum Beispiel eine Band die Bühne nach drei Songs verlässt und nicht mehr wieder kommt (was ich einmal als Besucherin bei Oasis am Paléo Festival erlebt habe), ist mir zum Glück noch nie passiert. Im Notfall haben wir aber noch das Interview- und Konzert-Material vom Nachmittag zur Hand. Das gibt uns dann ein paar Minuten Zeit, in denen wir uns überlegen können, wie es weitergehen soll.

Interview: SRG Insider/Viviane Aubert
Bild 1: Rebecca Villiger (rechts) mit Moderationskollege Matthias Erb (SRF)
Bild 2: Der SRF-Sendebus (Viviane Aubert)
Bild 3: Rebecca Villiger und Interviewpartnerin Heidi Happy (SRF)
Bild 4: Rebecca Villiger und Interviewpartner King Charles (SRF)

Tags: festivalsommer gampel openair srf3

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