Behind the Scenes

Das digitale Zeitalter und der alte Turm – zwei Welten

Am 16. Mai traf sich der Publikumsrat in Zürich zum zweitägigen Seminar 2013. Thema der diesjährigen Weiterbildung: Social Media.

«Die einen heulen rum, andere sind blind vor Liebe, alle sind wir überfordert: Willkommen im digitalen Leben.» So schreibt David Bauer in seinem Buch «Kurzbefehl. Der Kompass für das digitale Leben». Und weiter: «Wir sind immer online, immer erreichbar. Und immer ratloser, was wir mit all den Fragezeichen machen sollen, die das Digitale in unser Leben gestellt hat.»

Auch der Publikumsrat ist im digitalen Leben gelandet. Definitiv. Einige Mitglieder waren schon im Rat, da gabs weder Facebook, Twitter noch YouTube, keine iPods, keine Smartphones. Inzwischen beobachtet der Publikumsrat nicht nur Fernsehsendungen, sondern auch deren Online-Auftritt. Und kaum jemand verdreht die Augen, wenn die Jazz-Sendung erst um 23.15 Uhr ausgestrahlt wird, man schaut und hört sie sich dank SRF-Player am nächsten Tag gemütlich beim Frühstück oder unterwegs im Zug auf dem Laptop oder Tablet an.

An seinem zweitägigen Seminar zum Thema Social Media setzte sich der Publikumsrat folgende Ziele: 1. Wissen zu Social Media aufbauen. 2. Praxisbezug herstellen. 3. Strategie und Umsetzung von Social Media bei SRF kennen. – Am ersten Seminartag war der Publikumsrat im neuen Gebäude der Pädagogischen Hochschule Zürich nah am Puls der Moderne.

Koexistenz statt Kooperation

Philomen Schönhagen ist an der Universität Fribourg Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Soziale Kommunikation im Internet. Sie gab einen Überblick zum partizipativen Journalismus vom 18./19. Jahrhundert bis hin zu den heutigen Hyperlocal Communities. Ihr Fazit über den Jetzt-Zustand: «Es geht eher um Koexistenz denn um Kooperation.» Beim Blick in die Zukunft prognostiziert sie «eine Zunahme der Mobilnutzung».

Wissen Sie, was ein «Shitstorm» ist? Oder ein «Candystorm»? Klaus Rummler, Forschungsgruppenleiter an der Pädagogischen Hochschule Zürich, erklärte verschiedene Begriffe, vermittelte Grundwissen zu Social Media und erzählte Überraschendes. Zum Beispiel, dass die Videoplattform YouTube an gewissen Tagen höhere Zugriffszahlen verzeichnet als die Suchplattform Google. Klaus Rummlers Referat zeigte aber auch, dass Antworten zu neuen Fragen führen. Ein Beispiel: Wenn 4000 Leute auf Facebook eine Sendung «liken» – haben sie die Sendung tatsächlich auch angeschaut? Das herauszufinden, wäre zur Beurteilung von Programmnutzung und Reichweitenmessung interessant.

Der Stv. Bereichsleiter SRF News Online, Alexander Sautter, betonte die Bedeutung von Social Media im Alltag von Journalistinnen und Journalisten. Er zeigte, wie über Twitter recherchiert werden kann. Notwendigkeit und Herausforderung sei es dann aber, Meldungen, Bilder, Videos, die man auf Social Media finde, auf ihre Echtheit zu überprüfen.

Das Ende der One-Way-Sender-Mentalität

Viele Unternehmen haben keine bzw. eine erfolglose Social-Media-Strategie – dies zeigte das Referat von Programmreferent SRF Ramón Bill. Wie Facebook, Twitter und Co. die Medienhäuser verändern, fasste er so zusammen: «Social Media sind das Ende der One-Way-Sender-Mentalität.»

Lucas Bally, Social-Media-Verantwortlicher von SRF, erklärte mit praktischen Beispielen, wie sich SRF mit den neuen Möglichkeiten auseinandersetzt. So gebe es einen klaren Trend zur Parallelnutzung von Fernseher und Social Media, womit während einer laufenden Sendung etwa auf Reaktionen und Anregungen von Zuschauerinnen und Zuschauern eingegangen werden könne.

Einen gewaltigen Sprung aus der digitalen Welt zurück ins Mittelalter machte der Publikumsrat, als er am Abend des ersten Tages auf den Turm der Kirche St. Peter hochstieg: dicke Mauern, schwere Glocken, das mit 8,70 Metern Durchmesser grösste Turmzifferblatt Europas, eine viele Jahrhunderte alte Geschichte, in der es auch Intrigen und dunkle Machenschaften gab. Von zuoberst im Turm ein heller, freier Blick über Stadt, See, Berge. Jahrhundertelang hatten die Feuerwache und ein bis drei Trompeter von hier oben die Bevölkerung alarmiert, wenn es irgendwo brannte.

Mit Social Media jüngere Leute erreichen

Für den Rückweg vom Mittelalter in die Jetzt-Zeit hatte der Publikumsrat eine kurze Nacht lang Zeit. Am Freitag drehte sich im Fernseh-Hochhaus Zürich-Leutschenbach wieder alles um Social Media. Zu dem Thema «Arbeitsalltag im Bereich Social Media beim Sport, bei den News, bei Radio SRF 3 und beim Kundendienst» gab es je ein kurzes Einstiegsreferat durch eine Fachperson von SRF mit Aussagen wie zum Beispiel: «Unser Ziel ist, mit Social Media jüngere Leute zu erreichen und zu zeigen: Wir sind vor Ort.» (Danielle Hausmann, Sport) / «Wir wollen dem Publikum eine Stimme geben, den Dialog pflegen statt einen Monolog zu führen.» (Alexander Sautter, News) / «Die ganze Redaktion nutzt Social Media, situativ auch in der Freizeit. Social Media muss man leben.» (Andrew Jones, Radio SRF 3) / «Wir wollen am Puls der Zeit sein und twittern im Kundendienst per du.» (Rahel Stössel, Kundendienst).

Die anschliessende Diskussion mit dem Publikumsrat, der sich entsprechend den vier Themenkreisen in vier Gruppen aufgeteilt hatte, war engagiert und anregend – und führte zum Schluss des Seminars. Präsident Manfred Pfiffner meinte zum Abschied: «Schon in zwei Jahren werden wir wohl über unsere heutigen Überlegungen zum Thema Social Media den Kopf schütteln.»

Einen Blick in die Zukunft wagte auch David Bauer in seinem Buch «Kurzbefehl». «So könnte die ‹Tagesschau› als Videospiel angeboten werden, in dem ein aktuelles Ereignis aus der Perspektive der Akteure miterlebt werden kann.» Bei solchen Aussichten ist es beruhigend zu wissen, dass St. Peter in Zürich wohl auch in Jahrzehnten und Jahrhunderten noch stehen wird und die Zeiger am grossen Turmuhr-Zifferblatt sich unverändert weiter drehen werden.

Text: LINK 4/2013, Cornelia Diethelm
Bilder (v.l.n.r.): Publikumsrätin Jasmina Causevic mit Ratskollege Jürg Seiberth; Publikumsräte Roberto Colonnello, Simon Zogg und Riccardo Pozzi (v.l.n.r.); Alexander Sautter von SRF News Online; Alice Hüsler-Oberli (2.v.l.) mit Ratskolleginnen und kollegen; Publikumsräte testen das SRF-Onlineangebot (Imagopress/Patrick Lüthi)

Tags: link online publikumsrat socialmedia

Kommentare

Lade Kommentare...
Noch keine Kommentare vorhanden

Kommentar hinzufügen

Leider konnte dein Kommentar nicht verarbeitet werden. Bitte versuche es später nochmals.

Danke für deinen Kommentar. Dein Kommentar wird moderiert und erscheint hier, sobald er freigeben wird.
Bei Freischaltung erhälst du ein Email auf {author_email}.