Behind the Scenes

Musikprogrammierung: Dem Hörer ein guter Freund sein

Welche Songs im Radio von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) gespielt werden, entscheiden nicht die Moderatoren. Die Titel-Auswahl resultiert vielmehr aus dem vielschichtigen Zusammenspiel von Forschungserkenntnissen, Computerempfehlungen und Erfahrungswerten der Musikredaktionen.

CD mit Kopfhörer

Musik spielt im Radio eine grosse Rolle. Besonders bei den Sendern Radio SRF 1 und Radio SRF 3. Dort macht sie rund 60 bis 80 Prozent der täglichen Sendezeit aus. Einmal wird mit ihr ein Wortbeitrag unterlegt, ein andermal wird sie um ihrer selbst Willen gespielt. Wieder ein anderes Mal ist sie das eigentliche Thema. Doch immer dient sie dazu, bestimmte Stimmungen zu erzeugen. Das übergeordnete Ziel: Die SRF-Sender sollen das Publikum nicht nur gut informieren, sondern auch weiterbilden und gut unterhalten. So ist es im Leistungsauftrag formuliert. Eine Vorgabe, wie gross der Wort- und der Musikanteil bei den Sendern SRF 1 und SRF 3 jeweils sein müssen, gibt es nicht. Wichtig ist: «Die Hörer sollen sich bei uns Zuhause fühlen», sagt Michael Schuler, Leiter Fachredaktion Musik (Pop/Rock). Und das möglichst im Nu: «Wenn jemand ohne hinzuschauen das Radio einschaltet, muss er oder sie spätestens nach zwei Songs erkennen, dass es sich um seinen oder ihren Stammsender handelt.» Deshalb darf die Musikauswahl zwar abwechslungs- und facettenreich sein, muss gleichzeitig aber auch zum Profil des jeweiligen Senders passen.

Einmalig und unverwechselbar

Die Musikprogrammierung ist eine Arbeit, welche die Moderatoren unmöglich noch neben ihrem Job «on air» stemmen können. Deswegen werden sie nur dann aktiv, wenn es die aktuelle Nachrichtenlage gebietet. «Beispielsweise können wir nach einem Tsunami nicht mehr den Song ‹Die perfekte Welle› von Juli spielen», so Musik experte Schuler. Nach einem Flugzeugabsturz muss hingegen Joan Armatradings ‹Drop the Pilot› aus dem Programm genommen werden. Ansonsten bringen die Moderatoren zuverlässig an den Mann, was ihre Kollegen aus der Musikredaktion für sie zusammengestellt haben. Deren Auswahl kommt nicht zufällig zustande, sondern ist das Ergebnis eines ausgeklügelten, kontinuierlichen Verfahrens, bei dem es weniger auf den persönlichen Musikgeschmack der Verantwortlichen ankommt, sondern ausschliesslich auf deren Interpretation von Studien aus der Marktforschung und der Wissenschaft. Auch die Playlists der direkten Konkurrenz und die nationalen sowie internationalen Charts spielen bei der musikalischen Positionierung von Radio SRF 1 und Radio SRF 3 eine Rolle. Schliesslich sollen die Sender nicht nur inhaltlich, sondern auch vom Musikmix her einmalig und unverwechselbar sein. Selbst voneinander müssen sie sich natürlich unterscheiden.

Die Mischung machts

Michael Schuler schätzt die statistischen Erhebungen. Doch verlassen möchte er sich nicht auf sie. «Es wäre fatal, wenn man die Ergebnisse der Marktforschung als sakrosankt erachten würde», sagt er. Aufgrund der standardisierten Fragen in vielen Tests erfahre man beispielsweise nichts über die Gründe für das vom Hörer gefällte Urteil. «Dabei ist gerade das für uns von Bedeutung», so der Experte. «Mag er den Song wirklich nicht? Hat er sich daran sattgehört? Oder kennt er ihn vielleicht gar nicht und muss sich erst noch an ihn gewöhnen?» Die Antwort darauf sei entscheidend, so Schuler. Um diese zu bekommen, hakt er häufig selbst nach. Beispielsweise bei Hörern, die per E-Mail, Facebook oder Telefon Feedback zur Musikauswahl gegeben haben. Oder er nimmt an Forumsdiskussionen teil. Auch die Hinweise des Publikumsrats sind gemäss Schuler wertvoll. «Das ist natürlich nur punktuell möglich und zudem aufwändig, aber es lohnt sich», so der Leiter der Fachredaktion Musik (Pop/Rock). Denn einerseits zeige das der Zuhörerschaft, dass man sie ernst nimmt. Andererseits erfahre man so, was diese sich punkto Musikprogrammierung wünscht.

Wie in einer guten Partnerschaft

Wie wichtig es ist, ein offenes Ohr für die Hörer zu haben, zeigt ein Beispiel von vor zwei Jahren. 2011 hatte Michael Schulers Auswertung der Hörer-Feedbacks ergeben, dass sich viele Anhänger von Radio SRF 1 mehr Instrumentals wünschen. Er kam dem Wunsch nach. «Dies, obwohl die Forschung ergeben hat, dass genau solche Stücke im Radio nicht funktionieren», so Schuler. Bisher habe es diesbezüglich noch keine Beschwerden gegeben. Doch nicht nur berücksichtigen die Musikredaktoren die Wünsche der Zuhörenden, sie stellen auch neue Songs vor. Solche, die zum Profil des Senders passen und den Menschen vor den Empfangsgeräten gefallen dürften. In diesem Rahmen dürfen sich die Verantwortlichen bewegen.

Und das tun sie auch. Natürlich immer im Wissen, dass sie es nicht immer im Wissen recht machen können. «Das ist bei einem so dispersen Publikum wie dem von Radio SRF 1 und Radio SRF 3 gar nicht möglich», sagt Schuler. Das mache aber auch nichts. Denn die Hörer würden einander zwar nicht kennen, wüssten aber voneinander und respektierten sich und ihre musikalischen Vorlieben. Daher tolerierten sie auch einmal einen Song, den sie weniger gut finden. Dies, weil sie Vertrauen darin haben, dass «ihr» Sender spätestens mit dem nächsten Lied wieder den eigenen Geschmack trifft. «Das ist wie in einer guten Partnerschaft, in der man sich zwar hin und wieder nervt, aber in der es insgesamt gut läuft», so der Experte. «Das Radio soll ein Freund sein, dem man gerne die Hand reicht und von dem man sich gerne führen, aber auch Neues zeigen lässt.»

Deshalb spielen die Programme von Radio SRF 1 und SRF 3 nicht nur Songs, die sich bewährt haben, sondern stellen auch neue Titel vor. Dies stets mit Ankündigung. «Denn wenn erklärt wird, warum in den nächsten zwei bis drei Minuten ein völlig unbekannter Song läuft, ist die Akzeptanz gleich viel höher», erklärt Michael Schuler. Zudem lerne der Hörer en passant etwas dazu. Damit erfüllt die Musikprogrammierung auch den Leistungsauftrag, der vorsieht, dass das Radio nicht nur unterhalten, sondern auch bilden soll.

Sender soll ein Zuhause sein

Bei ihrer Arbeit setzen die Mitglieder der Musikredaktion auf ein spezielles Computerprogramm. Dieses stellt auf Basis der bekannten Parameter einen Musikmix zusammen, der abwechslungsreich ist und zum Profil des Senders passt. «Doch mit der Software verhält es sich gleich wie mit der Marktforschung», sagt Schuler. «Es kommt darauf an, wie man damit umgeht.» Deshalb sieht man die vorgeschlagene Musikauswahl in seiner Abteilung nur als Ratschlag an: «Das Feintuning übernehmen wir lieber selbst.» Wenn beispielsweise wie derzeit der Frühling vor der Tür steht, werden ein paar sommerliche Tracks mehr programmiert – um den Hörer auf die ersten Sonnenstrahlen einzustimmen. Dies, damit er sich bei «seinem» Sender jederzeit gut aufgehoben fühlt.

Text: Erschienen in LINK 2/2013; SRG.D/Fee Riebeling
Bilder: SRF/Oscar Alessio

Tags: link musik musikprogrammierung radio srf

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