Meinungen 3. January 2018

«Mein Senf»: Von langen Strecken, Langeweile und Medien

Seit 11 Jahren lebt Laura in Chiles Grossstadt Santiago. Warum sie ab und zu den fehlenden Kontakt zu Menschen vermisst und warum die Schweiz und Chile doch gewisse Ähnlichkeiten haben, erzählt sie in ihrem «Mein Senf».

«Die Fläche Santiagos besteht aus etwa 13 mal der Fläche Berns – die Stadt hat 35 Mal mehr Einwohner. Du kannst dir also vorstellen: Nichts ist hier wirklich ‹in der Nähe›. Es ist üblich, dass es gut eine Stunde bis zwei dauern kann, bis man endlich von der Arbeit zu Hause ist und umgekehrt. Die Strassen sind vor allem morgens und abends mit Verkehrsmitteln überfüllt und die Leute, die darinsitzen, sind genervt und gelangweilt. Was also tun, während diesen Stunden, die wir täglich in den blechigen Transportmitteln sitzen?

Lesen? Eher weniger

Natürlich, wir ziehen unsere Smartphones aus den Hosentaschen. Von Jung bis Alt: Es wird gezockt, gelesen, und gechattet, während sich die U-Bahn durch den Untergrund Santiagos schlängelt. Klar, das ist jetzt nicht so ein krasser Unterschied zur Schweiz, denkst du jetzt vielleicht? Aber ich glaube, dass man in Chile doch noch mehr am Bildschirm klebt und dass das Gerät sehr oft bereits von Kindern und ‹älteren› Erwachsenen gebraucht wird. Radio wird in Chile meistens nur während dem Autofahren gehört. Zuhause schaut man fern. Die junge Generation bevorzugt Online-Playlists wie Spotify und YouTube – Radio «gehört», wenn dann, eher zu den älteren Erwachsenen. Bücher und Zeitungen (ausser vielleicht die Gratis-Exemplare, die aber auch nicht überall verteilt werden) gehören hier zu den vom Aussterben bedrohten Medien. Soweit ich das in Erinnerung habe, wird in der Schweiz viel mehr in Büchern und Zeitungen gelesen, zum Teil auch, weil das irgendwie auch eher ‹gefördert› wird. Sei das durch das Verteilen von Zeitungen überall oder durch den freien Zugang zu öffentlichen Bibliotheken.

Obwohl ich Smartphones und generell die neuen Medien total wichtig und praktisch finde, vermisse ich manchmal trotzdem den direkten Kontakt zu Menschen. Wir sitzen in Chile viel zu viel hinter den Bildschirmen und vergeuden unsere Zeit auf Plattformen wie Facebook und Instagram. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir alle mehr Wert darauf legen, Freunde zu treffen und uns ‹echt› mit ihnen zu unterhalten.»


In der Rubrik «Mein Senf» lassen wir jeden Monat jemand Junges zum aktuellen Themenschwerpunkt zu Wort kommen. Alle bisher publizierten «Senf»-Texte findest du unter: #meinsenf


 

  • Laura Derrer

    Laura (21) wurde in Santiago geboren. Ihr Vater ist Schweizer – ihre Mutter Chilenin. Nach ihrer Geburt kamen sie und ihre Familie in die Schweiz. 2006 gingen sie zurück nach Chile. Zurzeit studiert sie Rechtswissenschaft in Santiago. Laura ist eine der 13 gewählten Vorstandsmitglieder des Auslandschweizer Jugendparlaments.

Porträt Laura Derrer: zVg.
Bild: Thomas Hawk via flickr.com

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