Meinungen 1. September 2017

«Mein Senf»: Es ist kompliziert

Die Journalistin in ihr kämpft für eine faktentreue Berichterstattung, als Sozialwissenschaftlerin und Privatperson betrachtet sie dies mit einem kritischen Auge – die Rede ist von Sonja, die sich im Berufs- und Privatleben tagtäglich mit dem Faktenchaos auseinandersetzt und davon erzählt, wie sie manchmal auch hin und her gerissen ist und mit der stark diskutierten Thematik umgeht.

«Seit die Debatte rund um Fake News, das ‹postfaktische Zeitalter› und alternative Fakten im Herbst 2016 entfacht ist, scheint in der Medienwelt ein Krieg von Fakt gegen Gerücht, von Wahrheit gegen Lüge stattzufinden. Ganze Unternehmen kümmern sich darum, Fakten mit Beweisen zu untermauern und ‹alternative› Fakten zu entlarven. Als Journalistin ist mir dieser Kampf für faktentreue Berichterstattung sehr wichtig. Als Sozialwissenschaftlerin und Privatperson betrachte ich dies mit einem kritischen Auge, denn so einfach ist das alles nicht:

Vertrauen in die Wissenschaft

Für physische Erscheinungen mögen Fakten einfach zu belegen sein, doch wie ist das in der Politik, der Wirtschaft, der sozialen Welt? Wie ist es mit den Dingen, die wir nicht persönlich überprüfen, kontrollieren können? Woher sollen wir wissen, welche Atomwaffen Nordkorea wirklich besitzt, wie schlimm die Hungersnot im Jemen ist, ob Vegetarier tatsächlich länger leben? Die Antwort auf diese Fragen ist eigentlich ganz einfach: Wir vertrauen der Wissenschaft. So sehr, dass wir sie nicht mehr hinterfragen. Dass in der Wissenschaft selbst Themen wie Klimawandel, Migration und internationale Beziehungen noch viel komplexer sind und kaum ein Forscher von absoluten Fakten spricht, vergessen wir gerne.

Ist ein Stein wirklich ein Stein?

Apropos absolute Fakten: so etwas wie die reine Wahrheit gibt es nicht. Denn Fakten sind soziale Konstrukte, die wir aus Daten und Theorien, die wir uns um unsere Umwelt machen, errichten. Ein Stein mag ein Stein sein, aber wir erkennen ihn nur als solchen, weil wir uns in der Geografie überlegt haben, wie ein Stein entsteht und welche Funktion er haben könnte. Dasselbe in der sozialen Welt: Begebenheiten aller Art – ob ein Erdbeben, ein Fussballmatch oder das Auffinden eines Wolfrudels im Wald – werden erst durch unseren Fokus darauf zu einem Ereignis. Wir müssen Fakten erst zu Fakten machen.

Fakten sind soziale Konstrukte, die wir aus Daten und Theorien errichten.

Zudem sind Fakten durch unser persönliches Empfinden geprägt. Sie lassen sich durch jeweilige Perspektiven anpassen, wirken je nach Blickwinkel anders. Wir wissen z.B., dass Nestle Wasser privatisiert und dann teuer an die Menschen vor Ort verkauft. Für diese ist es Fakt, dass sie ihr Recht auf Wasser verloren haben, für Nestle ist Fakt, dass sie den Menschen helfen, sauberes Trinkwasser zu bekommen. Viele Dinge in unserer komplizierten Welt sind eben nicht einseitig auslegbar.

Daher plädiere ich: Wir können nicht alles wissen, und müssen auch nicht. Stattdessen dürfen wir ruhig etwas gelassener werden und uns ab und zu auch an das Herz, die Emotionen, die Intuition, unsere Träume und Kreativität wenden.»


In der Rubrik «Mein Senf» lassen wir jeden Monat jemand Junges zum aktuellen Themenschwerpunkt zu Wort kommen. Alle bisher publizierten «Senf»-Texte findest du unter: #meinsenf


Illustration: Stephan Lütolf
Foto Sonja Gambon: Marc Wetli

  • Sonja Gambon

    Sonja Gambon (24) bewegt sich dank ihrem Masterstudium in Weltgesellschaft und Weltpolitik und ihrer Arbeit als freischaffende Journalistin zwischen Wissenschaft und Medien (was nicht immer einfach ist, wie der Text oben zeigt).

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