Meinungen 11. March 2016

«Auch Nicht-Religiöse schätzen unseren Zugang zum Thema»

Wenn am Sonntag ein Pfarrer im Radio predigt, ist die Fachredaktion Religion dafür verantwortlich. Doch ihr Aufgabenbereich geht weit über spirituelle Sendungen hinaus. Judith Wipfler, Teamleiterin Fachredaktion Religion Radio bei SRF, erklärt, wieso ihr Team so gefragt ist wie noch nie und wieso Muslime bis jetzt nicht am Radio predigen.

Judith WipflerSRG Insider: Wieso braucht es religiöse Sendungen im Radio?
Judith Wipfler: Man muss zwischen religiösen Sendungen und Sendungen über Religion unterscheiden. In religiösen Sendungen wird Religion praktiziert, zum Beispiel die Radiopredigt oder die Übertragung des Gottesdienstes. Der Löwenanteil unserer Sendungen sind jedoch journalistische Sendungen über Religion wie Berichterstattungen, Analysen oder Wissensvermittlung – vergleichbar mit einer Wirtschaftsredaktion.

Ihr Zielpublikum sind also nicht «nur» religiöse Menschen?
Nein, unsere Sendungen hören Menschen, welche sich kulturell, historisch oder politisch für Religionen interessieren. Natürlich zählen dazu auch religiöse Menschen, aber ich weiss von Hörern, die zwar Agnostiker sind – also die Frage nach Gott für nicht wichtig halten – aber unseren journalistischen Zugang zum Thema Religion schätzen.

Ist der Bedarf nach solchen Sendungen, im Hinblick auch auf die leeren Gotteshäuser, wirklich da?
Der Bedarf ist sicher da, das zeigen auch die häufigen Anfragen von anderen Redaktionen: «Was ist genau der Unterschied zwischen Schiiten und Sunniten?» oder «Was hat es mit der Vertreibung der Jesiden auf sich?». Das Bedürfnis nach fachkompetenter Vermittlung ist riesig, gerade auch durch die Säkularisierung ist dieses Wissen vieler Orts nicht mehr vorhanden.

Wieso kann diese Aufgabe nicht ein Privatradio oder eine Zeitung übernehmen?
Weil es in anderen Medien keine Fachredaktion Religion gibt, dies hat übrigens auch eine gross angelegte Studie des Nationalfonds ergeben. Dies ist erstaunlich, beobachtet man doch die aktuellen Konflikte in der Welt. Unsere Fachredaktion hingegen vereint Mitarbeiterinnen, die über eine fundierte Ausbildung verfügen oder gar arabisch sprechen, um kompetent über diese Themen berichten zu können.

Maria und Louis Vuitton-TascheWie entscheidet sich, welche Religion Platz im Programm bekommt?
Wir wenden die üblichen journalistischen Kriterien wie Relevanz, Aktualität oder den Schweizbezug an. Bei unseren eigenen Sendungen schauen wir natürlich, dass eine Ausgewogenheit herrscht zwischen den verschiedenen Konfessionen und dass auch kleinere Religionen im Programm Platz finden.

Gerade Gottesdiensten dürfen aber nur die Landeskirchen übertragen. Wieso das?
SRF hat eine Vereinbarung mit den drei Landeskirchen abgeschlossen, was die Ko-Produktionen im Radio und Fernsehen angehen. Dabei handelt es sich nur um zwei Radiosendungen, den Radiogottesdienst sowie die Radiopredigt. Natürlich fragen uns immer wieder Hörer, ob dies noch zeitgemäss ist und nicht zum Beispiel Muslime auch einen Platz im Programm erhalten sollen.

Und sollten sie?
Bis anhin wurde diese Anfrage nicht konkret gestellt. Die kleineren religiösen Gemeinschaften in der Schweiz sind meist nicht unter einem Dach zusammengefasst. Es gibt also schon gar nicht eine Person, die für alle sprechen könnte. Bei der jüdischen Gemeinschaft zum Beispiel bestand das Interesse bis jetzt gar nicht. Sie erreichen ihre Mitglieder effektiver über ihre eigenen Kanäle. Die Wahl der Landeskirche bildet aber sicher auch ein Mehrheitsverhältnis ab.

Eure Sendungen laufen auf Sendern mit älterem Zielpublikum wie «SRF1», «SRF Musikwelle» oder «SRF2 Kultur». Muss man die Jugend nicht erreichen?
Das ist in der Tat schade. Ab und zu fragt «Zambo» oder «SRF Virus» nach, wenn es um musikalische Themen vermischt mit Religion geht. Natürlich stellen sich Jugendliche die gleichen Fragen nach Spiritualität, nach den verschiedenen Glaubensrichtungen, dem Islam oder dem Jihad. Ein festes Gefäss gibt es aber leider nicht.


Judith Wipfler (42) ist seit 15 Jahren bei SRF tätig, seit 2 Jahren leitet sie die Fachredaktion Religion Radio. Wenn sie nicht in Israel ihr Hebräisch am Aufbessern ist, spielt sie leidenschaftlich Querflöte, Klavier – oder mit Katzen.


  • Simon Huwiler

    Simon Huwiler (26) studiert Journalismus und Organisationskommunikation an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Für SRG Insider blickt er regelmässig hinter die Kulissen von SRF.

Text: Simon Huwiler
Bild Maria und Loius Vuitton: Printscreen «Sternstunde Religion»
Porträt Judith Wiplfer: SRF

Kommentare (4)

  1. rita-staubli-eichholzer: Mar 15, 2016 at 09:24 PM

    Für mich bedeutet die DRS2 SRF2 Stunde sonntags von 08.00 - 09.00 Uhr ein Höhepunkt, für Offenheit, Bildung - die Möglichkeit andere Menschen über spirituelle Themen und Ansichten sprechen zu hören - dabei kann ich meine bisherige Meinung, Gefühlslage überprüfen, auch verändern. Die Stunde ist mir Heimat geworden - seit es sie gibt.
    Annarita

  2. Thomas Hanimann: Mar 15, 2016 at 09:25 PM

    Ich halte gut recherchierte Religionsbeiträge für wichtig. Denn Religion und Glaube sind auch in der Schweiz ein bedeutendes Thema. Danke Judith Wipfler und Religionsteam für alle kompetenten Beiträge.

  3. Verena: Mar 16, 2016 at 08:59 AM

    Mich wundert die Aussagen über die Jugend, sie haben keinen Platz, warum spricht man nur von der Jugend? Ich weiss aus meiner Arbeit mit Betagten, die sehr froh sind um die religiösen Sendungen, denn sie sind oft aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage, allein und selbständig zur Kirche zu gehen. Zudem befassen sie sich vermehrt mit ihrem Leben und was darnach, dabei helfen ihnen die kirchlichen Sendungen und gibt ihnen Mut, weiter zu machen und nicht verzagen,neuen Mut schöpfen aus dem Glauben an Jesus Christus den Erlöser.
    Im Namen der älteren Generation danke ich Ihnen, wenn sie die religiösen Sendungen weiter verbreiten und an Zeit nicht sparen.

  4. Rudolf Geiger: Apr 05, 2016 at 10:22 PM

    Es ist in der Tat erstaunlich, was für hochinteressante und spannende Sendungen die vier Redaktorinnen der Fachredaktion Religion uns immer wieder bieten. Ein absolutes Highlight unter vielen ist die Sendung "Perspektiven" vom 3. April 2016. Nachhören sehr empfohlen!


Add a Comment




Kommentar hinzufügen:



`

Empfohlene Artikel

Meinungen

«Mein Senf»: Zeigt uns im richtigen Licht!

Welche Sprüche gar nicht gehen und was sich der Komiker Charles Nguela von den Medien in Bezug auf Integration wünscht.

Meinungen

Wie Medien zur Integration beitragen können

Was sind die Möglichkeiten? Wo liegen die Schwierigkeiten? Und wie engagiert sich die SRG?

Meinungen

Ein Goal für die Integration

In ihrem Film «Ayham – Mein neues Leben» zeigen Ilona Stämpfli und Marek Beles, wie einfach Integration sein könnte. Ein Gespräch über Fussball, Medien und den Dreh mit dem 11-jährigen Ayham.

Meinungen

Team Klaus – der SRG-Insider-Podcast

Die beiden Geschichtsstudenten Rafi und Beni denken einmal im Monat laut über die wichtigsten Ereignisse der Welt sowie das SRG-Insider-Monatsthema nach. In ihrer zweiten Folgen sprechen sie über: Integration.

Meinungen

«Mein Senf»: I’m just here so I won‘t get fined

Für einen Sportler ist die Beziehung zu den Medien wichtig, aber auch ein notwendiges Übel. Als Skirennfahrer weiss Marc, dass es dafür vor allem eines braucht: Professionalität – und zwar von beiden Seiten.

Meinungen

«Mein Senf»: Es ist kompliziert

Sonja setzt sich im Berufs- und Privatleben tagtäglich mit dem Faktenchaos auseinander und ist manchmal ganz schön hin und hergerissen.

Meinungen

«Mein Senf»: Köpfchen einschalten, mitdenken und Social Media kritisch hinterfragen

In einem Brief an ihr (noch) jüngeres Ich, gibt die 20-jährige Social-Media-Nerdin Pascale das weiter, was sie im Umgang mit Social Media wichtig findet.

Meinungen

«Mein Senf»: Von der Faszination des Radiomachens

Ist es das Wissen, von tausenden Menschen gehört zu werden? Oder doch eher das Gefühl, die Leute durch den Tag zu begleiten? Die angehenden Radiomoderatoren Marc und Sven verraten, warum für sie Radiomachen das Grösste ist.