Behind the Scenes 12. February 2015

Berufsprofil: Datenjournalist/in

Was macht ein/e Datenjournalist/in? Und wie schafft man den Einstieg in den Beruf? Das SRF Data-Team, bestehend aus Leiterin Sylke Gruhnwald und den beiden Datenjournalisten Julian Schmidli und Timo Grossenbacher, gibt Auskunft.

Könnt ihr in drei Sätzen erklären, was ein/e Datenjournalist/in macht?
Sylke: In einem Satz: Unsere Arbeit umfasst die Datenrecherche, -analyse und adäquate Übersetzung in Formate für TV, Radio und das Netz.

Wie sieht denn ein typischer Arbeitstag aus?
Sylke: Wir bewegen uns täglich zwischen Buchstaben, Zahlen und Code. Allerdings haben wir eine Konstante am Tag: Jeweils um 9 Uhr tauschen wir uns für maximal 15 Minuten aus. Den Rest des Tages – und oftmals auch die Abendstunden – bestimmt die Recherche, an der wir jeweils arbeiten.

Wie wird man eigentlich Datenjournalist/in? Braucht man dafür eine bestimmte Ausbildung?
Julian: Noch kann man sich nicht als Datenjournalist ausbilden lassen. Gewisse Affinitäten können aber helfen: zu Zahlen, Statistik, methodischem Arbeiten, Programmierung, Visualisierung. Ich selbst habe mir das Meiste während der Arbeit als Recherche-Journalist beigebracht. Durch «learning by doing» kann man erste Hürden nehmen und sich ständig verbessern. Auch helfen Online-Kurse, der Besuch von Workshops und Konferenzen – sprich der Austausch mit Kollegen.

Sylke: Stimmt, es gibt nicht den einen Ausbildungszweig für Datenjournalismus. Wir nutzen vielen Methoden aus der investigativen Recherche und dem sogenannten «Computer Assisted Reporting», also der computergestützten Recherche. Und nicht zuletzt gilt es die hohe Kunst des Interviews zu erlernen. Erst mit Stimmen und Bildern schaffen wir es Geschichten aus Datenmengen zu erzählen.

Welche persönlichen Eigenschaften muss man mitbringen, um als Datenjournalist/in erfolgreich zu sein?
Sylke: Eine gute Reporternase ist unbedingte Voraussetzung für unsere Arbeit. Wir wollen gesellschaftliche Missstände aufdecken und Machtmissbrauch aufzeigen. Daten können dazu als gute Quelle dienen. Dazu zählen zum Beispiel Dokumente, in denen solche Vorgänge festgehalten wurden.

Timo: Wir müssen uns bei der Arbeit immer fragen: Woher kommen die Daten und wurde möglicherweise schon ein Filter angewendet, um allfällige, brisante Tatsachen zu verbergen? Kann es sein, dass bei der Auswertung etwas übersehen oder falsch berechnet wurde? Wie fehleranfällig ist die eigene Verarbeitung der Daten?

Sylke: Dazu kommt, dass wir uns Datenquellen abhängig vom Thema erst erschliessen müssen. Wir müssen Vertrauen zu Gesprächspartnern und «Datenlieferanten» aufbauen. Da braucht Zeit.

Timo: Liegen dann Dokumente vor, braucht es Beharrlichkeit. Beharrlichkeit, weil sich interessante Aspekte oft erst nach langer und mühsamer Vorarbeit aus den jeweiligen Daten ziehen lassen.

Was ist das Schwierigste an diesem Beruf?
Sylke: Sheila Coronel, Professorin an der Columbia Universität, hat das treffend in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung «Der Standard» formuliert: «Brisante Informationen beschaffen, nicht gigantische Datenmengen interpretieren». Genau darin liegt die Schwierigkeit: In grossen Datenmengen brisante, gesellschaftlich relevante Geschichten zu finden und diese dann erzählen.

Timo: Es liegt nicht in unserer Kompetenz, wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, indem wir komplexe Berechnungen anwenden oder riesige Datensätze auf Muster untersuchen – vielmehr suchen wir dort, wo andere nicht hinschauen. Wir suchen nach Unregelmässigkeiten, die sich einfach und stichhaltig aufzeigen lassen.

Sylke: Dazu kommt die Vielfalt der Kanäle, die uns bei SRF zur Verfügung stehen: Fernsehen, Radio und das Netz. Jeder dieser Kanäle hat seine Eigenarten, denen wir in der Publikation gerecht werden wollen.

Wie sehen denn die Arbeitsbedingungen als Datenjournalist/in aus?
Julian: Durch einen starken Transparenzdruck werden zurzeit mehr und mehr Datenquellen geöffnet und zugänglich gemacht. Das können amtliche Stellen aber auch Akteure aus der Privatwirtschaft sein. Hinzu kommt, dass es immer bessere Open-Source-Software gibt, die auch einzelnen ermöglichen, grosse Datenmengen zu sammeln und zu analysieren. Diese beiden Entwicklungen sorgen dafür, dass Datenjournalisten die Arbeit so schnell nicht ausgehen wird.

Und welche Weiterbildungs-/Entwicklungsmöglichkeiten gibt es?
Julian: Im Netz gibt es viele Möglichkeiten, neue Methoden und Techniken zu lernen – etwa durch sehr preiswerte Online-Kurse, sogenannte MOOC. Am besten versucht man sich selbst an einem eigenen Arbeitsprojekt. Mit etwas Durchhaltewillen und Kreativität kommt man schon sehr weit. Für Fans der «alten Schule» biete ich übrigens auch Kurse am MAZ an. Dort lernt man Tipps und Tricks im effizienten Umgang mit Daten.

Sylke: Und nicht zuletzt gibt es im Netz Hilfe: auf Twitter unter dem Hashtag #ddj, die NICAR-Mailingsliste oder die Tipsheets des amerikanischen Journalistenverbandes «Investigative Reporters & Editors». Der deutsche Verein «Netzwerk Recherche» lädt jedes Jahr zu einer zweitägigen Konferenz nach Hamburg ein. Der Besuch lohnt sich auf jeden Fall. In der Schweiz ist das Recherche-Netzwerk «investigativ.ch» eine gute Anlaufstelle.

Möchtest du noch einen konkreteren Einblick in den Alltag des SRF-Data-Teams? Dann lies hier den Beitrag «Wenn Daten Geschichten erzählen»:

Zum Beitrag

Interview: Jasmin Rippstein
Bild: Colourbox.de

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